ANKUNFT.

Der eigenen Tiefe begegnen.
Since 07/2026 3 Episoden

Vom Haben zum Sein.

Wir starten den Podcast.

15.07.2026 33 min

Zusammenfassung & Show Notes

Raphael und Tim sprechen in der ersten Episode von ANKUNFT. über den Unterschied zwischen Haben und Sein: über Vergangenheit und Zukunft, die nur als Gedanke existieren, und über das Jetzt, das sich dahinter verbirgt. Von Tims Rückkehr in die Gegenwart nach einer einschneidenden Erfahrung führt das Gespräch zur Interozeption als Zugang zum Moment und zur Frage, warum uns der Weg vom Haben zum Sein so schwerfällt. Ein ruhiges Gespräch über innere Wahrnehmung, Selbstreflexion und persönliche Entwicklung.

Wir beginnen unseren ersten gemeinsamen Podcast. Zum Zeitpunkt der Aufnahme ist vieles noch offen, und trotzdem steigen wir gleich tief ein: Was liegt zwischen dem, was wir haben, und dem, was wir sind?

In der ersten Episode von ANKUNFT. sprechen wir, Raphael und Tim, über Vergangenheit und Zukunft, die nur als Gedanke existieren, und über das Jetzt, das sich dahinter verbirgt.

Tim erzählt, wie er nach einer einschneidenden Erfahrung die Gegenwart zuerst verlor und dann neu fand. Von dort führt das Gespräch zur Innenwahrnehmung, zur Interozeption als Zugang zum Moment, und zur Frage, warum unsere Zeit den Weg vom Haben zum Sein so schwer macht.

Ein ruhiges Gespräch über innere Arbeit, Selbstreflexion und die feine Unterscheidung zwischen dem, was wir über uns denken, und dem, was wir wahrnehmen. Für alle, die beruflich Menschen begleiten und spüren, dass die eigene Tiefe der Schlüssel zu ihrer Arbeit ist.

Ankommen bei sich selbst. Und von dort aus weitergehen.

Bücher aus dieser Episode:
Gabor Maté und Daniel Maté: Vom Mythos des Normalen. Wie unsere Gesellschaft uns krank macht und traumatisiert. Kösel-Verlag, 2023 (auch als Taschenbuch bei Penguin, 2025).
 https://www.penguin.de/buecher/gabor-mat%C3%A9-vom-mythos-des-normalen/buch/9783466347988

Eckhart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Arkana, Neuausgabe 2024 (Original: The Power of Now, 1997).
 https://www.penguin.de/buecher/eckhart-tolle-jetzt-die-kraft-der-gegenwart/buch/9783442343263

Info: Alle Transkripte wurden automatisiert mittels KI erzeugt. Fehler sind als Ausdruck der Kreativität der KI. Es zählt nur das gesprochene Wort in der Audioaufnahme.

Transkript

Raphael
00:00:03
Ja, dann brauchen wir zu Anfang natürlich erst einmal eine gute Begrüßungsformel für so einen Podcast. Irgendetwas, das man gut wiederholen kann, das einen Wiedererkennungswert hat und trotzdem gut zu uns passt.</v> Es könnte auch einfach ein Hallo Tim sein.</v>
Tim
00:00:33
Ja, hallo Tim, ähm, nein. Hallo Raphael, hallo Tim, ja, warum nicht? Dann fangen wir ganz, ganz niederschwellig an. Wir sind zwei einfache Menschen aus Mitteldeutschland, die zufällig und ungeplant und unabhängig voneinander auf etwas sehr, sehr Wertvolles gestoßen sind.</v>
Raphael
00:00:47
Ja, hallo Tim.</v> Ja, hallo Tim.</v>
Tim
00:01:04
Raphael.</v>
Raphael
00:01:06
Schön, dass wir hier beieinander sitzen. Beieinander ist natürlich nicht ganz richtig, aber zumindest verbunden über dieses schöne Online-Tool. Schön, mal wieder miteinander zu sprechen. Wir hatten ja so ein bisschen als Titelidee vom Haben zum Sein für diesen Podcast. Schauen wir mal, ob der sich langfristig hält. Ich finde es total spannend, mal zu beleuchten, was dieser Titel vom Haben zum Sein eigentlich ausdrückt. Vielleicht wäre das ein guter erster Punkt. Ich hätte da eine Frage an dich, und dann bin ich gespannt, wohin uns das führt. Wenn du das sagst oder wenn du das hörst, vom Haben zum Sein: Was ist das Erste, das bei dir entsteht? Woran denkst du, oder was entsteht in dir, wenn diese Formulierung aufkommt?</v>
Tim
00:02:21
Erstens, dass dazwischen Welten liegen. Wir haben natürlich materielle Dinge, das ist noch einfach. Aber wir haben auch Gedanken und Gefühle, wir haben inneres Erleben. Wir haben dies und das erlebt, wir haben eine Vergangenheit, wir haben unsere Zukunftsvorstellungen und ganz viel, was wir alles haben. Und das Sein reduziert uns auf den Moment. Dazwischen liegen qualitativ Welten.</v>
Raphael
00:03:05
Gerade als du es gesagt hast, dachte ich, diese Aussage, wir haben Zukunftsgedanken oder Vorstellungen, das drückt für mich so schön diesen Unterschied aus zwischen dem, was gerade wirklich ist, und dem, was ich an Gedanken und Vorstellungen habe. Die meisten Menschen würden sagen, ja, wir haben eine Zukunft. Aber ich fand es gerade total spannend und passend, dass du gesagt hast, wir haben eine Zukunftsvorstellung. Denn welcher Mensch hat schon Zukunft?</v>
Tim
00:03:44
Du hast es mal schön zitiert: die Zukunft, die kein Mensch je betreten hat. Und wenn wir fair sind und das zulassen, dann kommen wir an den Punkt zu erkennen: na gut, klar, Zukunft, alle möglichen Dinge wollen wir, dass sie passieren. Und manches wird auch passieren. Aber immer erst dann, wenn die Zukunft Gegenwart geworden ist.</v> Und wenn wir das umdrehen, ist fairerweise auch alles, was in der Vergangenheit liegt, nicht mehr. Es hat seine Spuren in uns hinterlassen, manche Spuren tiefer, in unserem Körper, im Nervensystem und so weiter. Da wird es ganz hervorragend komplex. Aber es ist nicht mehr. Und in diesem kleinen Spalt zwischen dem, was nicht mehr ist, und dem, was noch nicht ist und vielleicht kommen wird, liegt das Sein verborgen.</v> Und ich habe jetzt bewusst gesagt: verborgen. Weil es gar nicht so trivial ist, dem Sein auf die Schliche zu kommen. Weil unser Gehirn so programmiert ist, dass das, was man Ego nennt, unsere Ego-Identifizierung, sofort dazwischenspuckt. Und zwar permanent. Es hält uns eigentlich meistens in einer Schleife gefangen, von Vergangenheit und Zukunft im schnellen Wechsel, Fantasie und Aufgaben, die wir erledigen müssen. Da verhindern sich ganz viele Dinge. Und wenn uns das zu viel wird, dann erst einmal: okay, Ablenkung. Ich muss Pause machen, mich vor den Fernseher setzen oder mein Handy nehmen oder einen Spaziergang machen. Ich brauche erst einmal ein bisschen Ruhe.</v>
Raphael
00:05:40
Kannst du dich erinnern, eine kleine Reise in die Vergangenheit, kannst du dich erinnern, wann der erste Moment war, diese Unterscheidung zwischen dem ganzen Haben an Gedanken, sei es an die Vergangenheit oder an die Zukunft, und dem Sein? Als du das erste Mal gedacht oder erkannt hast: Da ist etwas, und es lohnt sich, danach zu suchen. Als dir das erste Mal klar wurde: Da ist so etwas Verborgenes.</v>
Tim
00:06:13
Ja.</v> Ich kann mich sogar sehr genau daran erinnern. Es berührt auch gleich eines der größeren Ereignisse in meiner Vergangenheit. Und zwar bin ich 2023 von einer Lawine verschüttet worden. Das war eine sehr unangenehme Erfahrung des Erstickens und des fast Erfrierens, und 16 Stunden Rettung. Die Details sind an dieser Stelle nicht wichtig. Aber dass Traumatisierung echt ist, ist an dieser Stelle wichtig. Ich habe zu Trauma geforscht, habe vor einigen Jahren angefangen, meine Doktorarbeit dazu zu schreiben, und bin da noch dran. Da können wir in aller Ruhe noch einmal darauf kommen, was Trauma ist. Ich halte sehr, sehr viel davon, weil Trauma letztlich häufig der Grund dafür ist, weswegen wir Realität einseitig wahrnehmen. Um deine Frage konkret zu beantworten: Es waren etwa acht Wochen nach der Lawine. Acht Wochen lang war das Jetzt weg. Und das war auch die schlimmste traumatisierende Erfahrung, die ich erleben musste. Man sagt das im Alltag: Man weiß ja erst, was man hatte, wenn es weg ist.</v>
Raphael
00:07:41
Mhm.</v>
Tim
00:07:41
Mir wurde bewusst, dass das Jetzt weg war. Mein Nervensystem war so angespannt, meine Erinnerungen waren so überfordert. Ich war auf dem Fahrrad und habe statt Ampeln Szenen der Verschüttung gesehen. Ich habe Schneemassen gesehen, während ich einkaufen wollte, und Wahrnehmungen gehabt, als wären überall Schneemassen. Oder beim Schlafen in der Nacht, in Dunkelheit und Stille. Was für gemeine Trigger, und wie unheimlich schwierig Dunkelheit, Stille, Bewegungslosigkeit oder körperliches Stillwerden waren, wie unheimlich schwierig das zu vermeiden war. Und diese Überforderung meines Hormonsystems, meines Nervensystems nach der Lawine, da war das Jetzt weg. Und als ich dann acht Wochen später von Korsika nach Sardinien gesegelt bin, das ist noch einmal eine andere Geschichte für sich, tauchte irgendwann auf dem Segelboot meine Seele wieder auf. Das ist ein poetischer Ausdruck dafür: Ich bin ins Jetzt zurückgekehrt. Ich hatte diesen Moment, in dem ich wahrgenommen habe, dass ich nichts anderes tue als zu segeln. Und dann habe ich erst einmal Freudentränen, Tränen des Glücks geweint. Aber vor allem habe ich dann das Jetzt gefunden. Und es brauchte noch ein, zwei Jahre, bis ich gelernt und verstanden habe, dass dieses Jetzt, das ich da gefunden habe, ein anderes Jetzt war als das, das ich vorher kannte. Ein anderes Jetzt als das gerade jetzt oder das jetzt gleich machen wir, wie auch immer. Man spricht oft vom Jetzt. Mein Vater hatte mal früher in der Ausbildung gesagt, das Jetzt sei drei Sekunden lang. Wir benutzen dieses Jetzt. Aber das Jetzt aus dem Innen wahrzunehmen.</v> Das war das erste Mal in dieser Intensität eine qualitativ andere Wahrnehmung, und zwar in einer Vollkommenheit, die ich da auf dem Segelboot erlebt habe.</v>
Raphael
00:10:01
Ja, ich kann da gerade gut mitgehen und etwas anfangen mit diesem Punkt, den du am Anfang aufgemacht hast: dass wir manchmal den Wert von Dingen, die Qualität von Dingen, die Relevanz von Dingen erst dann merken, wenn wir sie nicht mehr haben. Ich glaube, da ist viel dran. Und das, was du zu Ende gesagt hast, dass wir so viel über das Jetzt reden. Meiner Erfahrung nach ist es immer ein ich mache jetzt. Es ist immer mit irgendeinem Tun oder Ereignis im Moment verbunden, die Art und Weise, wie wir über das Jetzt reden. Es kommt selten vor, dass jemand meldet: Ich bin im Jetzt.</v> Und wenn ich in meinen eigenen Alltag schaue, geht es mir genauso. Das Jetzt etwas tun, entweder aus einer aus der Vergangenheit abgeleiteten Notwendigkeit oder aus einer von Zukunftsvorstellungen geleiteten Notwendigkeit, ist extrem verlockend. Die Idee, irgendetwas tun zu müssen, ist sehr schnell sehr präsent und sehr wirksam.</v> Ja.</v>
Tim
00:11:45
Das Jetzt ist zeitlos. Das ist das Spannende daran. Das Jetzt ist in einer anderen Zeitrechnung oder eben in keiner mehr. Die Wahrnehmung des Jetzt aus dem Innen ist zeitlos. Das heißt, man kann sich im Jetzt gar nicht verlieren, aber man kann hineinstolpern, ins Jetzt, und wieder herausstolpern, und es ist eine Zeit x vergangen, die messbar ist, natürlich auf einer Uhr, aber die man aus dem Innen nicht messen könnte. Man kann auch in der Meditation in Zustände ins Jetzt reinrutschen, und dann ist eine Stunde herum. Das ist eine ganz, ganz spannende Erfahrung.</v>
Raphael
00:12:33
Ja, das habe ich das erste Mal vor vielen Jahren bei Eckhart Tolle gelesen, der unterschieden hat zwischen der psychologischen Zeit, in der es ein Jetzt gibt, das in Minuten oder, wie dein Vater meinte, in Sekunden messbar ist, und dem absoluten Jetzt. Ich glaube, er hat es nicht das absolute genannt, aber so kann ich es gerade nur wiedergeben. Ein Jetzt, das vollkommen unabhängig von jeder Zeit ist.</v> Was würdest du denn sagen, wenn wir noch einmal zu diesem Haben und Sein zurückkommen? Du hast ja schon gesagt, das Sein versteckt sich, es ist verdeckt. Was ist deine Beobachtung, was den meisten Menschen zurzeit diesen Switch vom Haben zum Sein schwer macht? Wenn ich mal postulieren darf, dass das vielen Menschen schwerfällt. Das ist natürlich eine Annahme, die ich hier mal in den Raum werfe.</v>
Tim
00:13:48
Mhm.</v> Erst einmal suchen wir alle danach. Jeder Mensch weiß, er möchte Zeit für sich. Jeder weiß es im Alltäglichen, sei es in kurzen Momenten beim Spaziergang oder auf der Toilette. Man muss sich vorbereiten, man braucht einen kurzen Moment. Wir wissen das irgendwie alle. Wir suchen auch danach. Wir suchen vor allem nach dem Gefühl, das im Sein enthalten ist, der vollständigen Verbundenheit. Dazu später noch mehr. Wir haben nur verlernt, an der richtigen Stelle zu schauen. Und zwar kollektiv in unserer Zeit. Wir sind sehr, sehr mit dem Außen beschäftigt. Wir sind vor allem in Westmitteleuropa auch dazu erzogen worden. Es geht um die Dinge, die wir im Außen darstellen, die Errungenschaften, das, was wir dem Leben abgerungen haben, unser Studium oder das Geld, das wir verdienen, und die Erfolge, die wir im Außen vorweisen können. Es geht immer ums Außen. Und mir ist das zunehmend bewusst geworden. Ich beobachte das beim Yoga in dem Fitnessstudio, in dem ich jetzt Yogakurse besuche. Die sind richtig gut, und auch der, der dazu spricht, ist richtig gut. Das ist nicht verwunderlich, weil Yoga eine jahrtausendealte Tradition ist. Die meisten Yogalehrerinnen sagen schöne Dinge. Sie sagen so etwas wie: Danke dir für dein Training, das du dir geschenkt hast, und sei dir gewiss, dass du genug bist. Und so enden die Stunden in solchen kleinen, schönen Sätzen. Und da kommen Menschen hin, die natürlich alle ganz geschäftig sind, Kinder und Jobs haben. Und sie suchen diese Stunde auf, in der sie den Atem mit der Bewegung verbinden, Körper und Geist verbinden und sich diese kleinen Pausen schenken.</v>
Raphael
00:16:06
Ja, meiner Wahrnehmung nach, wenn ich so in die Arbeit mit Klientinnen und Klienten oder auch mit Patientinnen und Patienten schaue und auch in mein eigenes Leben, nehme ich einfach wahr, dass unsere Gesellschaft uns tagein, tagaus suggeriert, dass das Haben zum Sein führen würde. Dieses du brauchst das und das, um ganz du selbst zu sein. Wenn ich ab und zu irgendwo Werbung aufschnappe, ich versuche das zu vermeiden, aber das lässt sich in unserer Gesellschaft gar nicht in Gänze vermeiden, dann werben extrem viele Dinge sinngemäß damit: Du brauchst mich, um ganz du zu sein. Sei dein individuelles Selbst, indem du diese oder jene Marke trägst, die, by the way, fünf Millionen andere Menschen auf diesem Planeten auch tragen. Aber die Werbung suggeriert, das sei etwas, was es bräuchte, um ganz man selbst zu sein. Und dabei ist der Mechanismus genau entgegengesetzt. Diese Idee von ich bräuchte etwas von außen, um zu sein, führt ja vom eigentlichen Sein immer weiter weg. Zugleich ist es natürlich sehr verlockend, das zu glauben, weil der Weg dahin in unserer Gesellschaft gut gebahnt ist. Der Weg zu den jahrtausendealten Erkenntnissen und Weisheiten erscheint hingegen für viele viel abstrakter, diffuser, weniger konkret.</v> Obwohl er das eigentlich gar nicht ist.</v>
Tim
00:18:18
Und da gilt es, Brücken zu bauen. Mehr als Brücken bauen können wir dazu nicht. Es lohnt sich auch, und das werden wir immer wieder streifen, einen Blick in unsere aktuelle Zeit zu werfen und in unsere Vorstellung von Normalität zum Beispiel. Ein sehr, sehr gutes Buch, das ich dazu empfehlen kann, ist Gabor Maté, Vom Mythos des Normalen. Das sind 600, 700 Seiten, die unsere Vorstellung von Normalität aus den Angeln heben. Es zeigt sehr schön auf, auf wie viele Vorstellungen von Normalität wir eigentlich geprimt wurden. Wie viele davon in uns stecken, ohne dass wir wissen, dass sie in uns stecken. Was wir alles für normal halten und wie sehr sich das auch in den letzten zwei, drei, vier Generationen verändert hat. Es beschleunigt sich in unserer aktuellen Zeit immer weiter. Das beste Beispiel sind ja Smartphones. Vorgestern habe ich einen Lehrerfreund getroffen, der mir erzählte, in der Oberstufe sei die Schule still. Er laufe auch in den Pausen durch die Gänge, und alle Zimmer seien still. Und in den Zimmern sitzen die Schülerinnen und Schüler und schauen auf ihre Smartphones, ihre Devices. Sie sind zu alt, als dass er sie noch auf den Hof schicken kann, aber sie würden einfach auch nicht wollen. Sie sind vollkommen absorbiert in der digitalen Welt. Und jeder, der dieser Tage Regionalexpress fährt, weiß es, das ist überall. Und das, was diese Smartphones uns suggerieren oder mitgeben, das ist ja ein Riesenphänomen.</v>
Raphael
00:20:14
Ich glaube, das Thema Smartphone und Digitales lädt ein, mal eine ganze eigene Episode zu werden, weil es so omnipräsent und so verlockend ist. Und weil da eine Billionen-Dollar-Industrie jedes erdenkliche Quäntchen an Erkenntnis aus der Psychologie anwendet, um uns an diese Geräte zu heften.</v>
Tim
00:20:45
Das Raffinierte ist, sie machen das, und sie machen es auch wirklich gut. Sie machen zum Beispiel Neuromarketing. Dahinter verstecken sich Probanden, die unter MRT-Scans liegen. Man schaut ihnen ins Gehirn, während man ihnen die Bildchenabfolge zeigt, und schaut genau, wo das Belohnungssystem maximiert ist. Wo also das Dopamin am stärksten ausgeschüttet wird, bei welcher Folge von Bildchen. Wir haben als Menschen einfach schlicht keine Chance. Früher habe ich das das Marketing-Huhn genannt. Es gackert überall und ständig, und wir haben keine Chance dagegen, bis wir anfangen, Bewusstsein hineinzubringen, wie das funktioniert, welche Bereiche in uns es anspricht, was das heißt, wenn diese Bereiche angesprochen werden, wie sich das aus dem Innen wahrnimmt. Dann können wir langsam, so wie du sagst, anfangen, um die Werbung einen Bogen zu machen. Wir können anfangen zu erkennen: Wenn ich mein Smartphone in der Hand habe, wann benutze ich es als Werkzeug, und wann benutzt es mich? Ich habe schon wieder irgendeine Facebook-Seite aufgerufen, obwohl ich eigentlich gar nicht wirklich wollte, und trotzdem habe ich WhatsApp offen. Das hat auch schon jeder erlebt. Die einzige Chance, die wir dafür haben, im großen Umgang mit den Algorithmen, ist:</v>
Raphael
00:22:01
Ja.</v>
Tim
00:22:15
uns selbst zu verstehen und nicht die Algorithmen uns verstehen und manipulieren zu lassen.</v>
Raphael
00:22:22
Das finde ich einen spannenden Punkt, uns selbst verstehen. Würdest du der Aussage zustimmen, dass eine wichtige Voraussetzung, um den Weg vom Haben zum Sein zu beschreiten, ist, eine gewisse Selbstreflexions- und Introspektionsfähigkeit auszubilden?</v>
Tim
00:22:49
Das sind zwei verschiedene Sachen. Und zwar sind die deutlich voneinander getrennt. Das Reflexive passiert im Gehirn, das sind Großhirnstrukturen. Das ist das Ich, das ich in meinem Kopf denke, wer ich bin. Und da kann man ein bisschen ausdifferenzieren und sagen: Ich habe verschiedene Anteile. Manchmal bin ich ein bisschen täppischer Mensch, manchmal ein sehr liebevoller Mensch, gestern war ich ein bisschen schroffer Mensch, und jetzt überlege ich als vielleicht der reflektierte Mensch: Wieso war denn eigentlich gestern der schroffe Mensch so ein bisschen zu schroff? Das ist das, was wir Reflektieren nennen, oder inneres Team, in einer Familie. Und das ist unheimlich wichtig, um sich selbst besser kennenzulernen. Das sind also Reflexionsprozesse, durch die wir müssen. Weil wir müssen alle unsere Anteile kennenlernen, und sie dürfen alle an den großen Tisch, weil sie alle eine Funktion haben, die sie erfüllen, und viele passen zum Beispiel auf uns auf. Und wenn ein schroffer Teil, wenn wir da genauer hinleuchten, merken wir, vielleicht ist das ein unsicherer Teil, oder ein Teil, der sich in unserer Kindheit und Jugend ausgebildet hat, wie so viele Teile, den wir mal brauchten, weil wir irgendeiner ungünstigen Situation gegenüberstanden, im schlechtesten Fall so etwas wie häuslicher Gewalt, aber vielleicht auch einer Mobbingerfahrung in der Schule oder irgendetwas. Und wir brauchten damals jemanden, der uns schnell und sicher aus der Situation bringt, und der war schroff, und das hat funktioniert. Und da hat dieser schroffe Teil also auch eine Berechtigung, eine Macht, und ist immer noch sehr aktiv in uns, immer noch sehr stark. Und vielleicht kommt die Kollegin herein, und wir sind aus irgendeinem kleinen Grund ein bisschen überfordert mit der Situation, und wir werden schroff und schicken sie hinaus. Und wir erkennen, dass dieses Muster des Schroffwerdens nicht mehr funktional ist. Und da gehen wir die Aufgabe an. Dir als Psychiater brauche ich das nicht zu erklären, aber wir haben eben alle diese Muster. Und irgendwann merken wir, manche dieser Muster sind in unserem Alltagsleben nicht mehr funktional. Und da wollen wir heran. Und wenn wir dann heranwollen und sie auflösen, müssen wir lernen, was sie für uns getan haben, dass sie eben ein notwendiger, wichtiger und liebenswürdiger Teil in uns sind. Und dann können wir diesen Prozess des Anteile besser Kennenlernens immer weiter machen und die ganze Familie so zusammenbringen. Das ist das, was wir Reflektieren nennen.</v> Der knifflige Punkt ist, und das ist vielleicht das Geheimnis, solange wir reflektieren, schaut immer ein Teil, mit dem wir identifiziert sind, auf einen Teil, mit dem wir identifiziert waren. Es geht gar nicht anders, weil es eine gedankliche, eine kognitive Leistung ist. Ich, der ich gerade denke, dass ich der reflektierende Tim bin, denke über den schroffen Tim nach, der gestern offensichtlich schroff war. Das heißt, der schroffe Tim war gestern der, mit dem ich identifiziert war, als ich meine Kollegin hinausgeschmissen habe. Das ist ein Spiel, das wir im Inneren, in den inneren Anteilen, immer weiter treiben können. Manche sagen fünf Anteile, andere sagen, ich habe 500 Anteile. Wir können auch noch sagen, der schroffe Anteil hat noch einen liebenswürdigen Anteil, und der hat noch einen vergesslichen Anteil. Das ist ein gedankliches Spiel, und irgendwann ist es nicht mehr praktikabel, dann verwirrt man sich selbst damit. Aber es ist ganz entscheidend, dass das alles nicht das Sein ist. Es sind alles Vorstufen, um sich selbst besser kennenzulernen, damit wir dann das Sein wahrnehmen dürfen. Weil, solange starke Anteile in uns ziehen, ziehen sie uns sofort wieder vom Moment weg. Wenn wir dem Sein nahekommen, sagen wir, jemand nimmt sich die Stunde Zeit, macht Yoga, freut sich darüber, die Yogalehrerin sagt am Ende, ach, danken Sie sich doch dafür, dass Sie sich diese Stunde genommen haben, und Sie haben es sich verdient, irgendetwas Nettes. Und kurz schießt es der Person durch den Kopf, und sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie eigentlich noch die Küche aufräumen müsste, weil gleich ihr Kind nach Hause kommt und sie noch nicht. Und das kommt sofort herein. Das heißt, dieser fürsorgliche Anteil, der sich gut um das Kind kümmern und natürlich auch die Küche irgendwann aufräumen möchte, der hat Kraft und Macht. Und wenn der sofort hereinschießt und die Frau denkt, die Stunde muss ich gleich wieder nachholen, weil ich jetzt schneller die Küche aufräumen muss, dann hat sie das jetzt schon wieder verpasst. Das Sein schon wieder verpasst. Und deswegen ist es so unendlich wichtig, seine Anteile kennenzulernen, damit man sie, jetzt steige ich ein bisschen tiefer ein, wir haben ja noch ein bisschen Zeit und Ruhe, darüber zu sprechen, damit wir sie affektiv entladen können. Damit sie nicht mehr so eine große Kraft über uns haben.</v>
Raphael
00:27:41
Also würdest du der grundsätzlichen Aussage zustimmen, dass es ein hilfreicher Schritt auf dem Weg vom Haben zum Sein ist, eine gewisse Reflexionsfähigkeit zu entwickeln?</v>
Tim
00:27:53
Auf jeden Fall. Es ist ein ganz notwendiger, wichtiger Schritt, den wir auch nicht überspringen können. Und ein anderer...</v>
Raphael
00:28:00
Dann würde ich gerne noch zu dem zweiten Teil kommen, den ich ergänzt hatte, wo du auch gesagt hast, das seien zwei sehr verschiedene Dinge, zur Introspektion vielleicht noch. Wo und wie würdest du das einordnen?</v>
Tim
00:28:23
Also erst einmal, das ist super spannend, wenn man sich damit in der Tiefe beschäftigt: Die Introspektion ist die Wahrnehmung der Interozeption. Und Interozeption ist Innenwahrnehmung. Demgegenüber steht die Außenwahrnehmung, das ist das, was unsere Augen und Ohren und so weiter alle ganz gut können, und das orientiert uns in der Welt. Deswegen weiß ich, dass ich gerade am Bahnhof stehe, wenn ich einen Zug höre. Das passt alles gut zusammen. Zu diesen Außenwahrnehmungen bildet sich das, was wir in unserem Kopf an Konzepten haben. Wir wissen, wie ein Bahnhof aussieht, und das Geräusch ist nichts Gefährliches, weil ich am Bahngleis bin. Das ist also alles, was uns im Außen orientiert. Und das hat auch Vergangenheit und Zukunft. Weil es so etwas hat wie: Ja, das letzte Mal, als ich am Bahnhof stand, wusste ich, und deswegen weiß ich jetzt, dass ich an einem Bahnhof stehe, und habe dieses ganze Konzept des Bahnhofs in meinem Kopf. Die Interozeption, also die Innenwahrnehmung, hat keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und damit ist sie unser größter Freund. Wenn wir ins Sein kommen wollen, heißt das, dass die Person, die wir denken zu sein, einfach mal da ist, wo ihr Körper gerade ist. Und um dahin zu kommen, wo der Körper gerade ist, müssen wir wahrnehmen: Was möchte mir der Kollege eigentlich gerade sagen, was macht er denn die ganze Zeit? Und er macht ja ganz, ganz viel, er atmet, macht das die ganze Zeit, das Herz schlägt, der Stoffwechsel läuft, unsere Niere macht Sachen, unser Bauch grummelt, hat ein bisschen Hunger. Alle diese inneren Signale, die wir bekommen, bekommen wir fortwährend und immer im Jetzt. Und Introspektion ist da nichts anderes als feinfühlig dafür zu werden, das wahrzunehmen. Und dann eröffnet sich uns eine ganz neue Welt aus dem Innen. Und mit dieser neuen Welt auch immer mehr, was wir über uns lernen. Wir lernen immer feiner zu unterscheiden zwischen einem grummelnden Bauch, weil wir Hunger haben, und einem grummelnden Bauch, weil wir uns bedroht fühlen, zum Beispiel. Es sind einfach komplett verschiedene Wahrnehmungen.</v>
Raphael
00:30:40
Das erlebe ich sowohl für mich als auch in der Arbeit mit Menschen als einen echten Meilenstein in der inneren Arbeit, wenn man an diesen Punkt kommt. Häufig, in meiner Beobachtung, von der Selbstreflexion, von der du ja schon gesagt hast, dass sie ein eher kognitiver Prozess ist und da immer noch eine gewisse Trennung besteht, hinzukommen zum Wahrnehmen von dem, was in mir in diesem Moment ist, also dieser Interozeption. Dass sich da plötzlich ein Bereich von Wahrnehmung auftut. Ich weiß noch, als ich das erste Mal so richtig, so tief wahrgenommen habe, dachte ich: krass, das ist immer da gewesen. Und ich war irgendwie gefühlt ganz woanders, und da ist diese ganze große, reichhaltige Welt. Und das erlebe ich bei vielen Menschen für einen Moment im Prozess, der super wertvoll ist, die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit da zu haben. Und das ist etwas, was wir haben, um noch einmal auf unseren Titel zurückzugreifen, ganz unabhängig von dem, was wir glauben, in der Welt alles haben, entwickeln oder machen zu müssen.</v> Ich gucke mal ein bisschen auf die voranschreitende Uhr. Ich glaube, wir könnten vielleicht an dieser Stelle an einem Punkt angekommen sein, an dem es sich für diesen Moment anbietet, einen Schlussstrich unter diese Episode zu ziehen. Mit schon vielen spannenden Themen, die sich für eine Folgeepisode andeuten. Oder würde aus deiner Sicht noch etwas Wichtiges fehlen, um das für heute rund zu machen?</v>
Tim
00:33:14
Vielleicht noch ein Hinweis darauf oder eine Wertschätzung dafür, dass in der Innenwahrnehmung und im Integrieren von Innenwahrnehmungen und Außenwahrnehmungen, und das weiß mittlerweile sogar die Naturwissenschaft, erst aus der Summe beider, der Innen- und der Außenwahrnehmung, Subjektivität entsteht. Und Subjektivität, sprechen wir über andere, für uns selbst heißt das Bewusstsein oder Wahrnehmung. Das ist, wir sind. Wir sind nur unsere Subjektivität. Und es lohnt sich, in unsere Subjektivität zu investieren, die Zeiten auszubauen. Das ist Lebensqualität. Das Geschenk, das uns geschenkt wird, wenn wir die Aufmerksamkeit dorthin bringen, ist unermesslich, ist riesig.</v>
Raphael
00:34:20
Ja. Dann lassen wir das genau da als Schlusswort. Es hat mir viel Freude bereitet, wieder unser gemeinsames Gespräch, und ich freue mich schon aufs nächste Mal. Und ich würde sagen, allen da draußen vielen herzlichen Dank fürs Zuhören. Wir würden uns freuen, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder dabei seid. Buchempfehlungen und dergleichen gibt es natürlich in den Shownotes. Bis dahin, liebe Grüße, ciao ciao.</v>
Tim
00:34:51
Tschüss.</v>