ANKUNFT.

Der eigenen Tiefe begegnen.
Since 07/2026 5 Episoden

Das Ego ist kein Feind

Erst das Ego, dann die Freiheit davon

12.08.2026 44 min

Zusammenfassung & Show Notes

Was ist das Ego, und warum kommen wir nicht darum herum, es auszubilden. Raphael und Tim sprechen in dieser Episode von ANKUNFT. über Subjektivität, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung und darüber, warum echte Entwicklung nicht bedeutet, das Ego zum Feind zu erklären, sondern es zu verstehen und behutsam zu transzendieren.

Was ist eigentlich unser Ego, und warum kommen wir als Menschen nicht darum herum, es auszubilden?

In dieser Episode von ANKUNFT. nähern sich Raphael und Tim einem der größten Begriffe der psychotherapeutischen und spirituellen Literatur. Tim bevorzugt dafür das englische Wort Mind, und erzählt zum Einstieg die Geschichte eines kleinen Fisches, der seine Mutter nach dem Ozean fragt, ohne zu merken, dass er längst mittendrin schwimmt.

Von dort aus geht es um Subjektivität als Kern des Ego, um die Entwicklungsschritte, die kein Mensch überspringen kann, und um Raphaels Beobachtung aus der therapeutischen Arbeit, dass psychische Erkrankung im Kern ein Widerstand gegen das ist, was gerade ist. Die beiden kommen auf die affektiven Pakete zurück, jene mit Scham, Schuld und Angst beladenen Anteile, die so viel Energie binden, und fragen, was es bedeutet, das Ego zu transzendieren, ohne es zum Feind zu erklären. 

Ein Gespräch über Selbsterfahrung, über die Grenzen dessen, was das Ego überhaupt wahrnehmen kann, und über den eher unspektakulären Weg dahin, im Alltag leichter zu werden. Der Auftakt zu einer kleinen Reihe, die noch weitergeht.

Tim erwähnt im Gespräch das Buch The Gift of Fear von Gavin de Becker:
 https://www.hachettebookgroup.com/titles/gavin-de-becker/the-gift-of-fear/9780316235778/

Transkript

Raphael
00:00:10
Moin Tim.
Tim
00:00:10
Hallo Raphael.
Raphael
00:00:11
Und ein herzliches Willkommen da draußen an alle Zuhörerinnen und Zuhörer. Wir haben uns getroffen hier und haben im Vorfeld überlegt, worüber reden wir denn? Und dein erster Vorschlag, Tim, war ja Veränderung. Als wir dann besprochen haben, was da so alles dabei ist, sind wir über das Ego gestolpert. Und mein Vorschlag war, lass uns doch mal über das Ego reden, weil ist ja etwas, über das ich immer mal wieder stolpere. Und glücklicherweise warst du auch dafür zu begeistern, über dieses Thema zu sprechen.
Tim
00:00:44
weil auch jeder über das Ego stolpert.
Raphael
00:00:46
Es ist ein common problem, wie man so sagt.
Tim
00:00:50
Also das ist das Ego und das Phänomen. Im Englischen finde ich den Begriff schöner, den Mind, der sehr klar darauf zielt. Im Deutschen übersetzt sich das manchmal mit dem Geist. Das ist nicht der aus der Flasche. Ich hab dazu mal eine Geschichte gehört, die fand ich eigentlich ganz schön. Und zwar ist ein kleiner Fisch, der seinen Mamafisch fragt, sagt Mama, was ist denn der Ozean? Und die Mama sagt, ja, das ist alles der Ozean hier. Und der Fisch schwimmt und zeigt darüber, da, diese Steine, meinst du das? Nein, ich meine das da drüben, wie diese anderen Fische, nein, hier das. Und überall, der kleine Fisch versteht nicht, was sollte denn das sein, der Ozean? Und dann irgendwann ... schwimmt der kleine Fisch ganz nah am Ufer und es kommt eine große Welle und er wird aus dem Wasser geschleudert auf die Steine und liegt dann da kurz am Zappeln und dann erst mit der nächsten Welle wird er wieder ins Meer zurückgespült. Dann ist seine Mama da und dann fragt sie ihn, und? Weißt du jetzt, was der Ozean ist? Und das ist der Mind. Der Mind ist alles, was um uns herum ist, die ganze Zeit. Weil wir nur durch den Mind, also in den allermeisten Fällen, nur durch den Mind überhaupt unsere Umwelt wahrnehmen und uns in ihr orientieren. Das heißt, das ist immer schon die Brille, die wir aufhaben. Und es ist gar nicht so einfach, mal da rauszukommen, zu sehen, da hat ja jemand eine Brille auf.
Raphael
00:02:20
Jetzt hast du gesagt, du magst den Begriff aus dem Englischen Mind lieber als den in Deutschland verwendeten Begriff Ego. Wie würdest du denn den Begriff definieren? Also wie würdest du ihn umschreiben? Ich frage das deshalb, weil diese Begrifflichkeit Ego und alles, was so damit assoziiert ist, ist ja in der philosophischen, in der spirituellen, in der mystischen Literatur ein Allerweltsbegriff. Ich glaube, es gibt wenig Bücher, die man lesen kann, wo er nicht vorkommt, was meiner Erfahrung nach aber jetzt nicht unbedingt dafür sorgt, dass die Definition einheitlich wäre oder besonders trennscharf.
Tim
00:03:09
Also es gibt im Englischen schon auch das Ego, aber zur Definition. Ich würde sagen, es ist Subjektivität. Mein Ego ist meine Subjektivität. Subjektivität wiederum ist die Person, die ich denke zu sein. zu jedem Zeitpunkt meines Lebens, wo die Person, die ich denke zu sein, entweder denkt oder schläft oder wandern geht, sich mit Freunden trifft, eine Meinung hat, etwas als mein. Ich meint mir immer die Wörter, die auf uns selbst rekurrieren, wo wir uns selber mit beschreiben wollen, wo wir uns als eine vermeintlich unabhängige Instanz im Leben darstellen, behaupten und so weiter. [unsicher, bitte im Audio prüfen] Das alles ist das Ego. Und es ist wertvoll und es ist vor allem unumgänglich, dass wir es ausbilden. Wenn wir Kinder sind, das gibt es in der Psychologie die Ego-State-Development-Theorie, glaube ich. Also es geht darum, dass wir im Aufwachsen durch verschiedene Ego-Stufen hindurch wachsen. In der einen zum Beispiel ist die Zahnfee genauso real wie der Weihnachtsmann, genauso real wie die Großmutter. und so weiter, und dann werden wir immer erwachsener und lernen, okay, die Zahnfee gibt es doch nicht, den Weihnachtsmann gibt es nur an Weihnachten, und so entwickeln wir unser Ego durch die Pubertät hindurch, irgendwann durchs Studium oder durchs Erwachsenenalter hindurch, bis wir ein klares, und das ist auch, das Gehirn erst mit Anfang 20 fertig entwickelt, bis wir überhaupt ein klares Ich haben, was wir der Welt gegenüber stellen können, und wir brauchen das auch, so wie wir als Teenager in unserem Ich noch nicht gut gesettelt sind, dann haben wir unsere Peer Groups, aber manchmal rutschen wir zu den falschen Freunden, dann denken wir, hey cool sind die, die hier Drogen nehmen oder so. Da müssen wir das alles noch lernen und üben. Und dieser Prozess, und erst wenn wir ein starkes Ego haben, kann sich dieses Ego wiederum die Disziplin auferlegen, das Ego gehen zu lassen. Also das Ego selbst zu hinterfragen oder so. Aber es kommt erst nachgeschaltet. Man kann diese Entwicklung nicht überspringen.
Raphael
00:05:31
Das finde ich spannend, wenn man Literatur verschiedener Richtungen, Religionen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, liest. In dem Punkt sind sich auch alle einig. Also so unterschiedlich dann die Ideen sind, wie man im Erwachsenenzustand sich mit dem Ego auseinandersetzen sollte, so einig sind sie sich darin, dass dieser Zustand nicht überspringbar ist, dass sich ein Ego entwickelt in uns Menschen. Und das finde ich ganz spannend, weil ich finde, das deutet dann immer darauf hin, dass das eine sehr fundamentale Wahrheit zu sein scheint, wenn man das kultur- und philosophie- und religionsübergreifend findet.
Tim
00:06:18
Und ich glaube, es ist auch recht intuitiv. Jeder, der es verstehen möchte, womit versteht er es denn? Mit seinem bisherigen Wissen, mit seiner Subjektivität. Er braucht es ja auch. Er muss wissen, mag ich das, mag ich das nicht. Das ist ja unendlich wichtig, damit wir unsere Grenzen setzen können. In der Sexualität, diese MeToo-Debatte, wie überfällig wichtig es ist, darüber zu sprechen, dass Nein Nein heißt. Wir brauchen die Abgrenzungen von unserem Ego und damit auch unserer Persönlichkeit, damit wir uns auch in der oberflächlichen, in der pragmatischen Welt sicher bewegen können.
Raphael
00:06:58
Jetzt heißt ja der Begriff Ego im Grunde genommen Ich. Also in der Übersetzung Ego ist das Ich. Was ist denn ... Jetzt muss ich kurz überlegen, wie ich diese Frage richtig formuliere. Jetzt sind sich auch alle Philosophien und Religionen und spirituellen Wege darüber einig, dass es gilt, dieses Ego in einer gewissen Art und Weise zu überwinden oder zu transzendieren. Was da die richtige Begrifflichkeit ist, können wir uns noch angucken. Aber was würdest du denn einem Menschen sagen, der sagt, ja, ich stimme dir vollkommen zu, Tim, dass wir das entwickeln, ist total wichtig. Wenn wir das nicht können, dann führt es zu Problemen. Oder wenn wir das nicht respektieren, führt es zu Problemen. Warum ist es dennoch wichtig, jenseits des Egos zu schauen? Oder Entwicklung über das Ego hinaus, würde ich es mal formulieren. sich auf den Weg zu machen und sich diese Disziplin aufzuerlegen, wie du gesagt hast.
Tim
00:08:14
Das Ego kann nur fragmentiert wahrnehmen. Das Ego kann nur bruchstückhaft Elemente in der Welt wahrnehmen, mit unserem Fokus, mit unserem Bewusstsein, mit unserer Aufmerksamkeit. Wir können auf ein Haus schauen, wir können sagen, ich sehe ein Haus, ich sehe Backsteine, ich weiß, dass das Haus 1903 gebaut wurde. Und diese Dinge, wir lernen darüber, dann können wir noch mehr darüber lernen, dann gucken wir das gleiche Haus an und sehen noch mehr. Also wir können diesen Geist, das Ego, durchaus bilden und wir können ganz viel wissen. Wir werden immer nur bruchstückhaft Elemente der Welt wahrnehmen, der Wirklichkeit um uns herum. Und die Realität selbst, derer wir Teil sind, ist nicht fürs Ego fassbar. Es passt schlicht nicht rein. Das eine ist eine Tasse und das andere das Meer. Keine Chance, das Meer in die Tasse zu kriegen. Das Einzige, was der Tasse bleibt, ist ein bisschen komisches Bild, aber sie kann irgendwie mehr schwimmen und sie kann wahrnehmen, dass sie umgeben ist von mehr oder so, dass sie eben auch Teil ist des Ganzen. Aber sie darf nicht auf die Idee kommen, dass das Ganze in die Tasse passt. Das heißt, für jeden, der in irgendeinem Bereich so weit vorgedrungen ist, dass ihm die Antworten, die er findet, nicht mehr genügen. Der sagt, ich habe das alles gelesen, aber da bleibt doch noch was. Oder der sagt, Mann, ich habe so viel Erfolg, aber jedes Mal, wenn ich eine Frau kennenlerne, haut sie mit meinem Geld ab. Oder egal, in welchem Bereich. Wenn wir die tieferen Zusammenhänge verstehen wollen, müssen wir den Wahrnehmungskanal ändern, müssen ihn erweitern. Wir können uns nicht mehr rein auf unseren Geist, auf unseren Mind verlassen. Er wird uns immer wieder die gleichen Antworten füttern, die immer wieder am Ganzen vorbeigehen.
Raphael
00:10:11
Ja, ich hätte eine ... Ich hätte noch einen Aspekt aus meiner therapeutischen Arbeit an der Stelle als auch eine mögliche Antwort auf die Frage, nämlich die, wenn ich in dieser Welt gesund sein möchte, dann muss ich irgendwann bereit sein, das, was das Ego macht, zu erkennen und wahrzunehmen. Und dann kommt zwangsläufig ein zweiter Schritt, sich dahin zu orientieren. Denn je länger ich diese Arbeit mache, umso sicherer bin ich mir. Das, was der Kern von uns Menschen ist, ist immer gesund. Und das, was aber psychische Erkrankung ist, ist immer ein Widerstreben des Egos gegen das, was ist. Und deswegen ist das aus meiner Sicht eine zwingende Notwendigkeit. Ich kann nicht das Ego gesund machen. Ich kann auf einer therapeutischen, verhaltenstherapeutischen, Coaching-Ebene dem Menschen als Ganzem Techniken, Strategien, Handlungen an die Hand geben, die Oberfläche des Meeres ein bisschen zu beruhigen, sprich etwas besser durch den Alltag zu kommen. Aber das wird nie einen Zustand erreichen, der sich wie echte Gesundheit anfühlt. Oder der echte Gesundheit ist, muss ich in dem Kontext sagen.
Tim
00:11:54
Ja, wir können, oder anders, das Leben, und da gehört jetzt auch das Ego dazu, strebt von alleine zur Harmonie und Balance. Allerdings erst, wenn wir uns an dem Größeren orientiert haben, genügend heile gewesen sind, genügend ganz gewesen sind, uns genügend mit diesem inneren, gesunden und immer gesund bleibenden Kern vertraut gemacht haben. Wenn wir so weit sind, dass wir verstanden haben, dass dieser Teil bleibt, dass der sogar wiedergeboren wird, nicht gestört, sterben wird, das wiederum strahlt aus in das, was wir dann unser Ego nennen. Das ist die Beruhigung auch fürs Ego, weil das Ego endlich gehen lassen darf. Es muss nicht immer in Kontrolle sein. Es muss unsere Ziele nicht verbissen versuchen zu erreichen. Es muss niemanden kontrollieren, muss niemanden bestrafen, es muss den Partner nicht kontrollieren, ihr Portemonnaie nicht kontrollieren. Es vertraut darauf, dass das genug sein wird. Und dann kann das Ego entspannen. Und dann kann das Ego gehen lassen. Und dann kann das Ego spontan lachen. Und dann kann das Ego sagen, hallo Freundin, schön, dass du wieder gekommen bist. Und sich darüber freuen, die ganz banalen, vielen kleinen Freuden, die das Leben für uns bereithält. Also so rum gesundet dann unser Ego. Und es wird auf natürliche Weise bescheiden. Es fragt nicht mehr nach dem neuen Mercedes, sondern es freut sich am Kleinen, ob das eine Pflanze ist. Es genügen dann die kleinen Dinge. Das ist ganz wichtig. Es ist so eine Art passiv. Also du kriegst das Ego nicht aktiv dazu, das so zu machen. Weil dann ist das das Ego, was das Ego versucht zu formen. Es stellt sich von alleine ein.
Raphael
00:14:07
Ja.
Tim
00:14:08
Noch ein Satz zu dem, wann immer das Ego versucht, das Ego zu bearbeiten. Sind wir, das ist recht leicht zu verstehen, sind wir in einem Konflikt mit uns selbst? Es kann ja nur unser eigenes Ego mit unserem eigenen Ego arbeiten. Und jeden Treffer, den ich lande, ich hab das ja richtig klug gemacht, bam, den kriege ich auf der anderen Seite wieder ab. Und scheiße, das hat richtig weh getan. Boah, das fällt mir in die Knochen oder so, wenn das Ego mit dem Ego in einen Kampf geht. Dann kämpft ein Anteil mit uns gegen einen anderen. Und das zieht immer Lebensenergie an sich. Das verstopft. Das verstopft Lebensenergie, welche uns dann an anderer Stelle fehlt, uns harmonisch im Einklang mit der Natur darüber zu freuen, dass gerade der Wind weht. Wir kriegen es gar nicht mit, die vielen kleinen Wunder des Lebens. Und wenn wir anfangen, jetzt wird es aber auch wirklich gemein und auch sehr schwierig, sagen wir, wir haben bittere Erfahrungen gemacht und möchten da nicht gern dran denken. Aber manchmal kommen die hoch und dann brauchen wir Ego-Kraft, die zu verdrängen, weil ein Teil von uns sagt, nee, heute muss ich arbeiten, hab keinen Bock, an die Scheidung zu denken, und dann so, brauche ich schon mal Energie, andere Energie zu stauchen. So, und dann sammeln sich in uns, ich hab es ... gerne, sollen wir sagen, so affektives Päckchen genannt, oder affektive Pakete. Affektiv heißt mit Schuld, mit Scham, mit Angst, großen Affekten beladen, die wir im Jetzt wahrnehmen. Das ist ja das Gemeine an diesen Affekten. Wir spüren ja jetzt diese Angst, oder wir spüren jetzt diese Scham und jetzt diese Schuld, und wir können jetzt nicht schlafen und haben morgen einen wichtigen Termin, aber drehen uns von links nach rechts und so. Diese ganze innere Energie ist angestaut. Also brauchen wir wieder Energie, diese Energie zu kontrollieren. Ja, wie viel ist dann noch frei verfügbar? Das kann jetzt jeder selber überlegen, es war wenig.
Raphael
00:16:09
Ja, das führt mich gleich gedanklich in den nächsten Punkt, den ich in der Arbeit als immer wichtiger erachte. Du hast ja gerade beschrieben, wie viel Energie dann dafür draufgeht, diese Päckchen wegzupacken. Weil wir sagen, ich will mich jetzt nicht damit beschäftigen. Und wenn wir uns das aber mal angucken, was in diesem Päckchen ist, ist neben all den Gedanken, die ja das Ego macht oder die aus dem Ego heraus entstehen, ist da ja vor allen Dingen Emotion, und Im Moment beschäftige ich mich viel mit der Frage, wie kommt es, dass wir Menschen schon von Kindesbeinen an erlernen, gewisse Emotionen lieber wegzumachen? Also Beispiel Angst. Wir wissen aus der Forschung, das ist gut belegt, und jeder, der das mal ausprobiert hat, weiß es aus eigener Erfahrung. Angst ist eine Emotion, wenn ich mich der Angst ganz stelle, wenn ich sie ganz erlebe und durchlebe, hört sie auf. Keine Emotion, wir Menschen können Emotionen gar nicht dauerhaft aufrechterhalten. Aber dadurch, dass ich sie ins Päckchen packe und immer nur ein bisschen was aus diesem Päckchen wahrnehme, ist sie immer da und erscheint immer, immer übermächtig.
Tim
00:17:44
Ich würde das noch ein bisschen vorsichtiger formulieren. Das ist etwas sehr, sehr Wichtiges, was du ansprichst. Das eine, was du gesagt hast, dass wir unsere Emotionen und unser Inneres als unser eigenes Wahrnehmen erleben, dieses aber nicht sind. Das ist eine Erfahrung, eine innere Anschauung, die gar nicht so verbreitet ist, die gar nicht so eingängig ist. Weil erstmal nimmt man sich selbst ja als den mit der Angst wahr. Das heißt, man ist sofort damit identifiziert. Und es sind gerade die großen Affekte, die sagen, ich schäme mich. Ich schäme mich. Also alles daran ist identifiziert, und es ist meine Scham, weil ich da und da nicht gut genug war. Ich hab mit Veteranen gearbeitet, die traumatisiert sind, weil sie andere nicht haben retten können, weil andere gestorben sind und sie selber nicht gestorben sind, weil sie nicht haben retten können. Sie wären lieber gestorben, sie hätten lieber ihr Bein verloren, aber sie schämen sich in Grund und Boden, weil sie nicht haben retten können. Und damit, und jetzt ist das ein sehr extremes Beispiel, wir haben also, keiner ist frei von Scham, Schuld und Angst. Aber wir haben alle unsere Beispiele. Und damit zieht sofort die Identifikation, der Affekt zieht die Identifikation.
Raphael
00:18:42
Survivor's Guilt. Also du würdest sagen, der Affekt ist sozusagen das Futter für die Identifikation.
Tim
00:19:14
Und deswegen ist das auch so schwierig, da dran zu kommen. Weil so, wie du es gerade formuliert hast, so ein ... Es hatte so bisschen was, vielleicht hast du es anders gemeint, aber so ein Ich entscheide, dass ich das so mache oder so. Dieses bewusste Ich, das kognitive Ich, das ist ja der kleine Reiter auf dem Elefanten. Aber der Elefant ist der Affekt. Und wenn der sich schämt, dann ist es dem immer egal, welcher Reiter oben draufsitzt.
Raphael
00:19:38
Ja, also ich glaube nicht, dass wir das kontrollieren, oder nein, ich weiß, dass wir das nicht kontrollieren, weil das beobachtbar ist in uns Menschen. Und mich wundert das nur aus dem gleichen Grund heraus, wie du geschildert hast, dass wir als Kinder nicht drumherumkommen, die Entwicklungsschritte hin zum Ego zu gehen und das zu entwickeln. Scheinen wir irgendwie auch nicht drumherumzukommen, zu erlernen oder die Idee zu entwickeln, dass wir unsere Emotionen moderieren müssten, und dass wir nicht drumherumkommen an den Punkt, wo wir sagen, ich fühle mich schuldig, anstatt zu sagen, ich kann in mir ein Gefühl von Schuld wahrnehmen.
Tim
00:20:35
Ich glaube, ein großer Teil ist im Sozialen verborgen. Wir wachsen ja auf als Teil der Gruppe, dort, wo wir aufwachsen, egal in welcher Kultur. Und es ist überlebenswichtig, Teil dieser Gruppe zu werden. Man kann es sich nicht erlauben, es anders zu machen. Nicht als Vierjähriger. Da schaut man, wie machen es die anderen? Okay, so scheint man es zu machen. Nicht als Achtjähriger. Und dann bin ich jetzt Zwölfjähriger beim Fußballspielen, und alle wollen jetzt Fußball spielen. Und wenn ich dann sage, ich schäme mich da, dann ist da nicht der Platz dafür. Das ist jetzt der Platz, wo wir zusammen Fußball spielen. Und ich glaube, dafür lernen wir das. Dafür gleichen wir unsere individuell gespürten Affekte an, gucken uns okay, jetzt sind aber alle hier am Fußballspielen, und dann machen wir es so, wie die Gruppe macht. Und ein Fußballspiel würde nicht funktionieren, wenn einer Angst hat, der andere sich schämt, der nächste möchte Pause. Dann würde kein Spiel zustande kommen.
Raphael
00:21:42
Wenn ich zu 100 Prozent bei dir, ich halte das auch für den Mechanismus, über den das entsteht, mein Wundern bezieht sich darauf, dass wir a. noch keine Gesellschaften entwickelt haben, in denen das anders funktioniert, und b. was bedeutet das, wenn wir über das Ego sprechen, dass das ja diesen Prozess moderiert. Wenn wir sagen, ja, aber es gilt, Ego zu transzendieren, zu überwinden, die Begrifflichkeit haben wir ja immer noch nicht final geklärt. Wenn ich das erreiche, wie gehe ich denn dann mit diesem Punkt in der Gesellschaft um?
Tim
00:22:20
Also in Freiburg erlebe ich es oft, und ich glaube, das erleben viele dieser Tage oft unter dem Stichwort Befindlichkeiten. Also alle haben ja nur noch Befindlichkeiten. Beliebt sind junge Eltern mit ihren Kindern und den Befindlichkeiten. Und ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn Vati X und Mutti Y nach 35 Minuten dem Schiri sagen, wir müssen jetzt das Spiel kurz anhalten, weil so ein Set braucht jetzt kurz einen Moment für sich. [unsicher, bitte im Audio prüfen] So, bitte alle kurz aus dem Stadion gehen, weil es jetzt für ihn wichtig ist. Und das erleben wir wirklich. Jeder Kindergärtner, jede Lehrerin kennt das, dass Eltern anrufen und versuchen, für ein Kind ein Set so zu machen, [unsicher, bitte im Audio prüfen] wie es jetzt am besten vielleicht wäre.
Raphael
00:23:11
Das geht aber aus meiner Sicht in genau die falsche Richtung.
Tim
00:23:16
Erstmal nur das Phänomen beschrieben, ist es ja schon der Wunsch, eine Gruppe zu machen, eine Kultur, eine Gesellschaft zu schaffen, die maximal Rücksicht nimmt auf den Einzelnen. Wir sind ja vom Individualismus gekommen. Jeder darf wieder Präsident werden können, darf reich werden können, darf erfolgreich werden können. Jeder muss ein gutes Zentralabitur machen, jeder muss erfolgreich werden. Bis hin zu, wie schaffen wir optimale Bedingungen? Ist es der Staat, der in der Verantwortung ist, dass jeder hinterher Chefarzt ist, oder sind es die Eltern oder so? Wie schaffen wir diesen optimalen Nährboden? Und da sind wir zum Teil, wie du andeutest, auch ganz schön verirrt und versuchen, uns extra Rechte rauszukaufen oder kämpfen und streiten darüber. Und all das ist auch wieder ein Missverständnis von dem, was eigentlich unsere Rolle in dieser Welt ist. Und jetzt kommen wir zu dem Bereich, wir können es gerne transzendieren nennen. Das Wort ist noch nicht so abgegriffen. Was das bedeutet, uns selbst zu transzendieren, heißt, instrumentell zu werden. Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille geschehe, dein Reich komme. Das ist ein letztes Gebet von Jesus, wo er unter großem Leiden aussprach, Vater, hast du mich verlassen. Und indem er das sagt, erkennt er sich selbst in seiner Identifizierung mit seinem Schmerz, und es ändert sich im gleichen Satz, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Das ist auch für strenge Zen-Buddhisten erst der Moment, wo sie Jesus als vollständig transzendierend anerkennen. Es ist das, was uns erlaubt, über unser Ego hinauszugehen. Und ich mach das mal kleiner und anschlussfähiger. Ich bin vielleicht erfolgreicher Geschäftsmann. Ich hab meine Firma gut im Griff, meine Mitarbeiter arbeiten für mich. Ich hab auch viel Geld. Ich komm nach Hause. Und in einer Selbstverständlichkeit ... räume ich die Spülmaschine aus, richte eine Pflanze, nehme meiner Frau den schweren Einkaufskorb ab und versuche alles so gut und möglich zu machen, wie es mir möglich ist. Trage die schweren Sachen, längst könnte ich einen Mitarbeiter dafür bezahlen. Aber nein, nein, ich möchte das machen. Ich will jetzt nicht irgendwie so meine Liebe ausdrücken. Und ich vergesse mich selbst darüber. Das kennen wir alle, diesen Moment, wo wir uns selbst darüber vergessen, weil wir vielleicht unserer Mutter oder unserem Partner oder besten Freund einen Gefallen tun, wo wir gar nicht fragen, was kostet uns das. Das ist ein kleines Erleben von, ich mach's einfach weil. Oder ich helfe einer fremden alten Frau über die Straße, einfach weil. Ich muss kurz anhalten, hab eigentlich gar keine Zeit, aber ich mach das weil es, ja was, weil es sich irgendwie gut anfühlt.
Raphael
00:26:12
Richtig. Ja. Jetzt hat sich, wenn ich so bisschen gucke auf unser Gespräch bisher, so bisschen bewahrheitet, was wir im Vorgespräch vermutet haben, dass das Thema Ego so umfangreich ist, dass wir jede Menge Zusatzbaustellen öffnen werden. Und ich glaube, das bildet sich hier an der Stelle schon ab.
Tim
00:26:35
Also ich glaube, Ego ist eins der ganz großen zentralen Begriffe oder Konzepte, die wir immer wieder berühren, weil wir auch dazu gezwungen sind. Weil wir in unserer dualen Welt nicht frei davon sind. Und weil wir auch nicht frei davon sind, dass Menschen uns immer wieder etwas zuschreiben. Also zum Beispiel, gehen wir einen Schritt weiter, dann ist Ego auch meine Identifizierung mit meiner Persönlichkeit. Und zum Beispiel Rassismus oder so, das kann nur eine Persönlichkeit wahrnehmen. Jetzt müsste man aber vorsichtig sein, wenn man sagt, Rassismus, das ist doch nur eine Illusion, du hast dir das doch nur ausgedacht, dass du dich hier strukturell benachteiligt fühlst. würde ich so auch nicht formulieren. Das heißt, eine Verletzung der Persönlichkeit, eine Beleidigung. Jemand nennt mich du scheiß Arschloch. Wer fühlt sich denn jetzt beleidigt? Natürlich wieder nur ich mit meiner Persönlichkeit. Ich fühle mich nicht gesehen, ich kriege nicht den Respekt, den ich denke, den ich kriegen sollte, oder ich fühle mich missverstanden. Jemand mag mich nicht und so weiter. Nur das ist ja Teil des Lebens. Davon sind wir ja alle nicht frei, meine Identifikation mit der Persönlichkeit und auch mit meinem Körper. Wenn ich mir mein Bein breche, tut mein Bein weh. Dann wird es irgendwann anspruchsvoll, da noch die Identifikation zu lösen.
Raphael
00:28:06
Aber ist das nicht ein wesentlicher, also ist das nicht ein großer Unterschied zwischen, ich brech mir das Bein und es tut weh, und jemand beleidigt mich als du Arschloch? Sind das nicht zwei verschiedene Mechanismen? Also weil mein Bein weh tut, ist ein physischer Schmerz. Hätte ich den nicht unabhängig vom Ego, dass ich den wahrnehmen könnte?
Tim
00:28:22
Ich würde sagen, ja.
Raphael
00:28:35
wohingegen du Arschloch ja nur dann, also nur dann psychischen Schmerz auslösen kann, wenn ich das a. verstehe, b. auf mich beziehe und c. das in einen Kontext setze, der irgendwie für mich problematisch ist.
Tim
00:28:54
meistens d., wenn ein bisschen was dran ist.
Raphael
00:28:56
Ja gut, aber also für meinen Punkt, ein gebrochenes Bein würde mir immer weh tun. Ja, weil es ein gebrochenes Bein ist. Aber du Arschloch tut mir ja nicht immer weh. Wenn ein Dreijähriger mich anguckt und mir sagt, du Arschloch, ja, macht das ja nichts mit mir. Wenn meine Frau das zu mir sagt, vielleicht schon eher.
Tim
00:29:23
Ja, ich glaube, dann müssen wir fairerweise das vergleichen, wenn das die Frau sagt, mit dem Beinbruch. Also, weil es geht schon darum, dass der emotionale Schmerz genauso der Schmerz ist wie der physische Schmerz. Und wir sehen es in der Trauma-Welt auch deutlich. Emotionale Vernachlässigung, zu wenig Liebe, also sogar Dinge, die einem fehlen, bis hin zu allen möglichen Formen der Erniedrigung, verbal. Das kann richtig tiefe Wunden schlagen. Das schlägt tiefere Wunden als Backpfeifen und körperlicher Missbrauch. Das heißt, auf dieser Ebene würde ich es dem schmerzenden Bein gleichstellen. Weil es reale Schmerzen sind, die sich diese Person auch nicht ausdenkt, sondern sie leidet tatsächlich darunter. Und auf der anderen Ebene ... Hast du schon mal ausprobiert, wenn du dir ganz hart das Knie gestoßen hast und es tut richtig weh, in den Moment zu gehen und den Schmerz zu halten oder einfach nur zu sein, den Schmerz als Information wahrzunehmen und nicht als Schmerz?
Raphael
00:30:36
Ich hab mir gestern Abend so richtig fies den Fuß gestoßen. Ja und nein. Also jetzt muss ich zwei Sachen. Also, habe ich das schon mal versucht? Ja. Ist mir das in Gänze gelungen? Ich glaube nicht. Das mit dem Schmerz körperlich versus, ich sag mal, psychologisch durch Trauma bedingten Schmerz oder so, da sehe ich tatsächlich einen Unterschied. Weil ich glaube, und du darfst mich jetzt gerne korrigieren, wenn du das anders siehst, ich glaube, den psychologischen Schmerz durch Trauma, der genauso belastend sein kann wie ein gebrochenes Bein, gar keine Frage, bin ich zu 100 Prozent bei dir, hab ich häufig genug erlebt, den kann ich auch über die Arbeit am und mit dem Ego transzendieren. Weil das ein Schmerz meiner Biografie ist. den Schmerz vom gebrochenen Bein, da kann ich einen Teil von transzendieren, nämlich den, der mir die Geschichte erzählt von und mich bemitleidet oder wie auch immer, aber den rein physischen Aspekt in meinem Körper, der ist ja erstmal, wie er ist.
Tim
00:31:50
Ja, und den können wir auch transzendieren. Das ist genau das, was Jesus gemacht hat. Der ist ja gefoltert worden, als er aussprach, Vater, hast du mich verlassen. Es waren die schlimmsten Schmerzen. Niemand war mehr für ihn da. Und da hat er das noch transzendiert und gesagt, dein Wille geschehe. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Raphael
00:32:18
Und glaubst du, dass er dann keinen physischen Schmerz mehr wahrgenommen hat?
Tim
00:32:22
Schon. Ja, der physische Schmerz ist noch da. Aber er ist nicht mehr, zum Beispiel, er ist nicht mehr bedrohlich. Er droht nicht mehr, ihm etwas zu nehmen. Vielleicht die Gesundheit, vielleicht mein Bein. Und nein, es ist nicht gleich weg. Sondern es ist letztlich nur noch klare, reine Information, die zu halten menschenfähig ist. Nicht, dass er das möchte. Er würde wahrscheinlich sofort sagen, okay, hör mal auf. Aber er kann sie halten bei ganzem Bewusstsein. Und zwar nicht, indem er dissoziiert, was vielleicht die meisten von uns gerne tun würden in dem Moment, flipp, sind wir nicht mehr da, und unser Körper muss durch das Leid. Sondern, weil wir innerlich weit genug sind, bleiben wir in unserer Aufmerksamkeit in uns. Wir bleiben in dem Teil, also ... Aufmerksamkeit in dem Teil, der nicht ich ist, der nicht wir sind. Wir bleiben heil, wir bleiben ganz, weil das Leben uns nichts nimmt, was es uns nicht vorher geschenkt hat. Nichts, was uns gehört.
Raphael
00:33:34
Aber dann sind wir da doch genau, genau das ist das, was ich meinte. Wir können sozusagen den physischen Teil, wie du es jetzt im Beispiel von Jesus beschrieben hast, der ist dennoch da. Aber die Geschichte, die ich mir dazu erzähle, dass es nicht so sein sollte oder dass es anders sein sollte, die ist weg. Und das halte ich für transzendierbar. Das andere finde ich, ich kann noch so sehr mein Ego transzendiert haben, wenn ich gleich in den Garten gehe und mit der Kettensäge zu unvorsichtig bin und mir durchs Bein hacke, dann wird das bluten und dann werde ich humpeln. Egal, wie ich mein Ego transzendiert habe.
Tim
00:34:16
Ja und vielleicht ... Ja, nur, warte, das ist ganz wichtig, weil vielleicht wirst du daran auch sterben. Aber das ist eigentlich nur das Gehenlassen. Das ist das vollständige Gehenlassen jeglicher Identifikation mit dem Körper, mit der Persönlichkeit, mit unserer Zukunft, mit unserer Vergangenheit. Es ist ein Aufgehen im Ganzen. Letztlich ein Aufgehen in der größeren Liebe. Und es gibt auch noch so coole Sachen wie körpereigene, schmerzhemmende Morphine, wie heißen die? Endorphine, wenn sie körpereigen sind. Die kommen auch. Also früher oder später kriegst du die, schön.
Raphael
00:34:51
Ende Finne. [unsicher, bitte im Audio prüfen]
Tim
00:34:56
Die brauchen immer nur ein, zwei Sekunden, dann kommen die. Das kennt man auch, wenn man sich sein Knie angestoßen hat.
Raphael
00:35:00
Ja. Oder die Zehe. Gestern Abend. Die Zehe.
Tim
00:35:02
Ja, oder wo im Zahn es sitzt.
Raphael
00:35:06
Beim Zahnarzt weiche ich dem tatsächlich immer aus. Ich sage meiner Zahnärztin immer, ich bin die beste Patientin, die sie haben können, wenn sie mir die beste Spritze geben, die sie haben. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Tim
00:35:22
Also, ich würde gerne noch mal zu dem ... Wir sind nicht nur das Ego. Wir werden unser Ego auch nicht los. Man darf das Ego überwinden nicht so verstehen, dass man danach egofrei ist. Vielleicht, wenn man Jesus werden will oder geworden ist, vielleicht in den letzten Atemzügen, okay, dann kommt man nicht mehr zurück. Aber solange wir noch auf dieser Welt zum Aldi müssen und einkaufen gehen ... solange wir unsere Großmutter besuchen oder unsere Tochter oder so, und dann wird sie sagen, hallo Papa, und sofort hat sie eine Idee von der Person, die sie treffen möchte. Und weil es eine familiäre Bindung ist, hat der Vater sofort die Idee dazu, welche Person er sein möchte. Und sofort sind beide in ihrem Ego drin. Und beide nehmen sich in den Arm und freuen sich darüber, dass sie sich gegenseitig treffen. Ja, das ist doch wunderschön. Zwei Egos treffen sich und freuen sich darüber, sich zu sehen. Wir dürfen das Ego nicht zum Feind erklären. Weil wir brauchen die Liebe und die Nachsicht auch mit uns selbst, auch mit den vielen Anteilen in uns, die so energiegeladen sind oder die affektiv beladen sind, die schmerzhaft sind, die bitteren Erinnerungen waren, frustrierende Erinnerungen und so weiter. Oder die Rückschläge oder so. Alles. Alles kommt sowieso. Wir haben das sowieso alle. und mit Nachsicht und Liebe wird der Kampf, den das Ego mit sich selbst kämpft, viel schöner. Dann muss man nicht mehr die eigenen Schläge abkriegen.
Raphael
00:36:52
Ja, und dieser Punkt, was du gerade meinst, wir dürfen das Ego nicht zum Feind erklären, den erfahre ich als sehr, sehr wichtig, weil wenn wir es zum Feind machen, wer ist denn, wer macht das denn?
Tim
00:37:10
Richtig.
Raphael
00:37:10
Also dann stolpere ich mit meinem Ego dabei, wenn ich mir selbst ein Bein stelle. Wie auch immer das genau geht.
Tim
00:37:24
Ja, es ist genau das. Natürlich. Deswegen machen wir es ja auch nicht zum Feind, sondern sagen, okay, wow, was kommt als nächstes? Was darf ich lernen? Anspruchsvolle Situationen? Was möchte mir das Leben gerade zeigen? Oder, wow, energiegeladener, temperamentvoller Anteil in mir. Gut, dass ich dich habe. Wieso hast du eigentlich so viel Kraft? Danke, dass du für mich da bist. Alle unsere Anteile in uns, die sich irgendwann geformt haben, sind dafür da, auch für uns aufzupassen. Die sind ja alle ich. Einfach nur ein bisschen unterschiedliche Seiten von mir.
Raphael
00:37:59
Glaubst du, dass es Stufen der Transzendenz des Egos gibt? Also ich hab mit dem Stufenbegriff ein bisschen Probleme, weil er so nach Hierarchie klingt. Meine damit aber, es gibt verschiedene Intensitäten der Transzendenz. Vielleicht ist das das Bessere als Stufen.
Tim
00:38:23
Dann würde ich sagen, ja, und würde an die Zwiebel denken, die sich abschält, die wir abschälen. Nur die erste, obere Schicht, okay, da kommen doch recht viele hin. Da können sie mal zum kognitiven Verhaltenstherapeuten gehen, dann kriegen sie das, was man nicht essen kann, ab und ...
Raphael
00:38:40
Ja, der kognitive Verhaltenstherapeut in mir hat gerade Freude.
Tim
00:38:46
Und dann kommen irgendwann die Emotionen ins Leben. Und dann fangen Menschen auch an, leichter zu werden. Das ist ja auch der schöne Nebeneffekt oder gewünschte Effekt, der sich dann einstellt, wo wir merken, dass wir irgendwie auf dem richtigen Weg sind. Mag mühsam sein, mag anstrengend sein, mag schon ein, zwei, drei Jahre sein, die wir viel meditieren oder die wir viel Therapie machen oder Bücher lesen oder uns Zeit dafür nehmen, um da irgendwie weiterzukommen. Es mag eine anfangs langsame, mühsame Arbeit sein. Aber wir werden sehr hoch entlohnt, indem das zum Beispiel leichter wird, wir uns weniger Sorgen machen. Und dann sind wir erstmal für ein, zwei Monate oder Jahre oder auch zehn Jahre, wir haben ja auch viele andere Aufgaben im Leben, jeder kann sich da jetzt fünf Jahre nehmen und ins Kloster gehen dafür. Also heißt, wenn wir das einflechten in unseren Alltag, und wir müssen alles andere auch noch machen. Na gut, dann so viel, wie jeweils gerade möglich ist. Aus dem, ich mach mir weniger Sorgen, irgendwann ... Ich vertraue. Also ich hab keine Sorgen mehr. Das ist ein wunderschöner Moment, wenn man das aus dem Inneren erfährt, dass man keine Sorgen mehr hat. Irgendwann hat man weniger Angst davor, wieder ausgelacht zu werden. Dann irgendwann hat man weniger Angst generell. Und ganz irgendwann vielleicht hat man keine Angst mehr. Was nicht bedeutet, dass man nicht weiter ... The Gift of Fear im Englischen, nicht weiter Angst hätte, wenn gerade ein Säbelzahntiger kommt. Ja klar, dann, wow, jetzt muss ich natürlich darauf reagieren und schneide hier weg. Das ist nicht die Angst. Aber diese besorgte, schlimme Angst, am Ende kommt Krieg oder Tod oder ... Gibt viele Formen. Ja.
Raphael
00:40:29
Erschrecken ist weiter möglich. Keine Sorgen mehr. Die sorgenvolle Angst, die fällt weg.
Tim
00:40:46
Wenn du nach diesen Stufen fragst, dann könnte man die jetzt in Stufen formulieren. Dann würde man irgendwie eine Treppe malen. Aber man kann sich das natürlich auch als Kontinuum vorstellen. Es ist einfach ein immer leichter werden, ein immer näher zu sich selbst kommen, ein immer bescheidener werden, ein immer liebevoller werden, immer wertvollere Beziehungen haben, immer tiefere Liebe spüren und auch annehmen können, sie selber geben und annehmen können. Immer mehr Zufriedenheit, Glückseligkeit, und dann irgendwann kommen die schönen Dinge.
Raphael
00:41:21
Und dafür nicht mehr ins Kloster müssen, sondern das im Alltag tun zu können. Da habe ich heute Morgen mich mal wieder Meister Eckhart gehört auf dem Weg zur Supervision. Und der hat gesagt an der einen Stelle, der Mensch, dem es recht ist, dem ist es mit allen Menschen und zu allen Zeiten recht. [unsicher, bitte im Audio prüfen]
Tim
00:41:24
Ja, bitte.
Raphael
00:41:47
auf die Frage hin, ob nur der ein rechtes Leben lebt, der im Kloster lebt. Also das Zitat ist jetzt aus meiner Erinnerung von heute Morgen. Der hat mich sehr angesprochen. Und ich finde, der passt zu dem, was du sagst, dass die Sorgen weggehen.
Tim
00:42:07
Jetzt hab ich gerade ein paar positive Begriffe versucht zu verwenden, um anzudeuten, dass das positive Sachen auch sind. Als Buddha gefragt wurde, Buddha wollte gar nicht, dass da jetzt wieder die Nächsten irgendwie denken, das Gold ist versteckt hinter dem Regenbogen und wenn wir jetzt das machen, dann kriegen wir das auch. Er hat ganz vorsichtig nur gesagt, okay, Nirvana ist das, es gibt keinen Schmerz. Meine ich einfach nur als Indikation für, okay, als Orientierung, als Orientierung, Verzeihung, als Orientierung. Es gibt keinen Schmerz. Und das ist schön. Das wird aber heute nichts mehr. Das kriegen wir jetzt nicht alles rein.
Raphael
00:42:52
Ich glaube, wir haben Ego eins ganz gut heute hier schon angefangen abzubilden. Ich glaube aber, um Ego zwei und vielleicht auch Ego drei kommen wir nicht drumherum. Ja, wollen wir es dabei für heute belassen.
Tim
00:43:09
Ja, gerne.
Raphael
00:43:10
Wunderbar. Dann sage ich erstmal wieder vielen herzlichen Dank an alle da draußen fürs Zuhören und sage tschüss und bis zum nächsten Mal.
Tim
00:43:20
Auf Wiedersehen!

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