ANKUNFT.

Der eigenen Tiefe begegnen.
Since 07/2026 3 Episoden

Biografie

erinnert, erzählt, erschaffen

15.07.2026 30 min

Zusammenfassung & Show Notes

Raphael und Tim sprechen über Biografie als etwas, das wir in der Erinnerung selbst konstruieren: über den roten Faden, den unser Ego durch die eigene Lebensgeschichte legt, und über affektive Pakete aus Kindheit und Trauma, die uns unerwartet ins Jetzt oder die Verdrängung führen. Ein Gespräch über Erinnerung, Selbsterfahrung und persönliche Entwicklung.

Wir sind gewordene Menschen. Aber wie viel von dem, was wir Biografie nennen, ist wirklich geschehen, und wie viel erzählen wir uns im Nachhinein zurecht?

In dieser Folge von ANKUNFT. sprechen Raphael und Tim über die Biografie als etwas, das wir nicht nur haben, sondern fortwährend gestalten. Über den roten Faden, den wir selbst durch unsere Erinnerung legen. Über affektive Pakete, die uns unerwartet ins Jetzt zurückholen. Und über die Frage, die in der Selbsterfahrung oft mehr öffnet als das Warum: was passiert eigentlich gerade in mir?

Ein Gespräch über Erinnerung und Rekonstruktion, über Trauma und Anpassung, über die Geschichten, in denen wir leben. Für alle, die Menschen begleiten, und für alle, die ihrer eigenen Tiefe begegnen wollen.

Ankommen bei sich selbst. Und von dort aus weitergehen.


Info: Alle Transkripte wurden automatisiert mittels KI erzeugt. Fehler sind als Ausdruck der Kreativität der KI. Es zählt nur das gesprochene Wort in der Audioaufnahme.

Transkript

Raphael
00:00:01
Hallo Tim.</v>
Tim
00:00:02
Also, Raphael.</v>
Raphael
00:00:05
Ja, wir hatten gerade schon einen spannenden Einstieg, auf der Suche danach, was unser Thema heute ist. Und letztlich haben wir uns auf das Thema Biografie nicht geeinigt, sondern ich glaube, wir waren uns beide plötzlich sicher, dass das ein spannendes Thema ist, über das wir uns gerne austauschen möchten. Und...</v> Vielleicht magst du erst noch einmal deine Gedanken dazu teilen. Was ist Biografie eigentlich? Der Begriff kann ja vieles umschreiben. Und was ist Biografie für dich?</v>
Tim
00:00:52
Wir sind gewordene Menschen. Und unsere individuelle Biografie, das heißt seit Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, je nachdem wie alt wir sind,</v> sind wir Produkt unserer Zeit und Produkt unserer Erlebnisse. Und beides formt uns wesentlich mehr, als viele Menschen vielleicht möchten oder sich einreden, auch andersherum. Eltern haben gerne mehr Einfluss auf ihre Kinder, als sie letztlich haben. Das wissen wahrscheinlich alle Eltern.</v> Dass man es gut meinen kann, und dann passieren Dinge in der Schule, im Leben, ein Unfall, irgendetwas, das dann doch sehr große Veränderungen gebracht hat.</v>
Raphael
00:01:49
Ja, dass wir geworden sind, das finde ich eine schöne Begrifflichkeit. Biografie spielt ja auch im therapeutischen Kontext immer eine große Rolle. Und zugleich ist meine Wahrnehmung, ich weiß nicht, wie du das erlebst, dass viele Menschen an ihre Biografie als etwas Faktisches denken.</v>
Tim
00:02:19
An ihren Lebenslauf denken.</v>
Raphael
00:02:21
Genau.</v> Und da kann ich ganz bei mir bleiben. Wenn ich in meine eigene Biografie schaue und mir überlege, was alles die Dinge sind, von denen ich zu hundert Prozent sagen kann, dass sie genau so waren, wie ich sie gerade erinnere, als Teil meiner Biografie, dann wird meine Biografie sehr schnell sehr, sehr dünn.</v>
Tim
00:02:50
Und noch dünner wird sie, wenn wir hinzufügen, was hinterher so geworden ist, wie du es vorher beabsichtigt hast. Wir denken ja manchmal auch fürs kommende Wochenende, wir wüssten genau, was passiert, haben eine gute Vorstellung, einen guten Plan. Und jeder, der schon einmal einen Plan ausgearbeitet hat, einen etwas anspruchsvolleren,</v> wird wissen, dass er sich meistens in Luft auflöst, wenn man anfängt zu handeln, wenn man anfängt, ihn in die Welt zu bringen. Und wenn andere Personen und Faktoren dazukommen.</v> Und dann sind wir, glaube ich, trotzdem ganz gut darin, hinterher unsere rote Linie wieder hineinzulegen. Ohne uns groß umzublicken, also über die Schulter zu schauen und zu sagen, es ist doch etwa so geworden, wie ich gedacht habe, dass es werden soll.</v>
Raphael
00:03:41
Und das ist nämlich der Punkt. Wenn man das erkennt, das ist zumindest meine Beobachtung aus vielen Selbsterfahrungsseminaren, wenn es Teilnehmern gelingt zu erkennen, ich lege den roten Faden durch meine Biografie, also dass das ein Akt ist, der zwischen meinen beiden Ohren passiert, dann wird erst einmal deutlich, dass es nichts Absolutes ist.</v>
Tim
00:04:10
Also du meinst die Erinnerung? Ich bin es, meine Erinnerung rekonstruiert?</v>
Raphael
00:04:17
Das auf jeden Fall. Da sind wir wissenschaftlich gerade auch schon an einem Punkt, wo wir sagen können, das ist definitiv so. Aber auch die Frage, was ist der rote Faden der von mir konstruierten Erinnerungen? Auch das ist ja etwas, das nicht zufällig geschieht.</v>
Tim
00:04:38
Wo kommt denn der rote Faden her?</v> Oder die Richtung, oder die Auslegung des roten Fadens?</v>
Raphael
00:04:46
In der Regel, das ist meine Wahrnehmung, kommt der Faden daher, dass uns die Strecke durch unsere Biografie erscheint, die im Nachhinein am meisten Sinn macht für meine aktuelle Persönlichkeit.</v>
Tim
00:05:00
Ja, aber wer ist das Kind mit dem roten Farbeimer?</v> Also wer legt die Linie hinein? Oder...</v>
Raphael
00:05:22
Wolltest du noch etwas sagen, oder ist das gerade die Frage?</v>
Tim
00:05:24
Es ist die Frage, wer die Linie legt. Und wann wir uns dessen bewusst sind, wer die Linie legt.</v>
Raphael
00:05:28
Ich würde sagen...</v> Letzteres würde ich klar verneinen. Meistens sind wir uns dessen nicht bewusst. Und zum Ersten würde ich sagen, es ist letztlich unser Ego, das die Linie legt. In der Variante, die am ich-stabilisierendsten wirkt.</v>
Tim
00:05:53
Und wer ist dieses Ich, das da stabilisiert wird? Der kleine Teil des Egos, der uns bewusst ist.</v> Also der Teil des Egos, mit dem wir bisher am meisten Zeit verbracht haben oder ganz gut gefahren sind, der die Probleme für uns ganz gut gelöst hat, der vielleicht irgendeine Ausbildung gemeistert und dann genug Geld verdient hat, und der die weltlichen Themen ganz gut adressieren kann.</v>
Raphael
00:06:21
Ja, ich würde sagen, das halbwegs erwachsene Alltagsego.</v>
Tim
00:06:27
Ja. Ich habe einen Traumaschwerpunkt in meiner Arbeit und bei meinen Klienten. Da habe ich einige Menschen kennengelernt, die Biografien hatten, die es ihnen sehr schwer gemacht haben, noch die zu sein, die sie denken, dass sie sein wollten. Sie sind andere Menschen geworden, und zwar deutlich anders, sodass sie zum Beispiel zwanghafter geworden sind, oder ängstlicher, oder depressiver, oder aggressiver.</v> Und dass sie sich immer wieder in einem Verhalten erwischen, das sie eigentlich nicht zeigen möchten, in dem sie sich nicht erkennen, und bei dem sie einsehen müssen, dass sie es doch immer wieder zeigen.</v> Das ist eben auch Biografie.</v>
Raphael
00:07:15
Ich glaube, dieser Punkt...</v> Ja, in der Arbeit mit Traumatisierten sicherlich ein Schwerpunkt. Aber wenn wir uns ganz ehrlich machen als Menschen und einmal in den Spiegel schauen, dann haben wir alle eher Phasen, in denen wir Verhaltensweisen an den Tag legen, in denen Anteile von uns auf eine Art und Weise agieren, die wir nicht wollen. Nicht im gleichen Maße wie Menschen mit Traumatisierung, ich bitte, das nicht falsch zu verstehen, ich will das nicht gleichsetzen. Aber dieser zugrunde liegende Mechanismus,</v> der ist in uns allen veranlagt.</v> Und meistens, und da wird die Biografie so spannend, wenn wir uns erlauben, in unserer Biografie zurückzuschauen, diesen Blick über die Schulter zu nehmen und vorurteilsfrei auf unsere Biografie zu schauen, dann finden wir irgendwo einen Punkt, der einen guten Grund dafür gibt, dass sich das entwickelt hat.</v>
Tim
00:08:20
Sie sind immer adaptiv und ergeben Sinn in dem Kontext, in dem sie entstanden sind.</v>
Raphael
00:08:31
Würdest du der Aussage zustimmen, dass das einer der guten Gründe ist, sich mit seiner Biografie auseinanderzusetzen, diesen Sinn erkennen zu können?</v>
Tim
00:08:41
Ich denke, jeder... ja, bitte.</v> Jeder, der weiterkommen möchte, der sich über sein gängiges Alltagsego hinaus, das er gerade meinetwegen auf recht gutem Funktionsniveau hat, weiterentwickeln möchte, kommt nicht umhin zu schauen, warum er sich verhält, wie er sich verhält, und ob es nicht andere Möglichkeiten gibt, sich zu verhalten, oder in die Welt zu blicken, oder eine andere Weltanschauung zu haben,</v> oder etwas Neues zu machen, was man noch nie gemacht hat. Dann spüren die meisten Menschen recht schnell, dass sie da etwas zurückhält. Und dann wird es...</v> Was hält ihn zurück? Warum ist das mit einer Angst verbunden? Warum mit einer Unsicherheit, oder mit einer Sorge, oder mit einer sozialen Konvention? Das gehört sich nicht, das macht man nicht, was sollen die Eltern denken, oder der Partner, und so weiter. Dieses Spiel spielen ja alle, also sehr viele Menschen, einen sehr großen Teil ihres Lebens. Sie handeln immer wieder neu aus, was man darf und was man nicht darf, was angemessen ist, was moralisch ist, und so weiter.</v> Viele leben auch in recht engen Korridoren in ihrem Leben. Sie gestatten sich ein sehr schmales Leben, in dem sie sich nur minimale Freiheitsgrade herausnehmen, und merken das vielleicht irgendwann gar nicht mehr, weil sie es für ganz normal halten. Und dann sagen sie so verrückte Sätze wie, ja, das macht man doch so, das ist doch common sense. Ein Professor sagte einmal, nothing is as common as common sense. Denn egal wo auf der Welt man Menschen fragt, dann sagen sie, ja, das ist doch...</v> common sense, und das ist doch schon sehr, sehr unterschiedlich.</v>
Raphael
00:10:29
Ja. Würdest du sagen, dass man common sense in diesem Kontext korrekt mit gesundem Menschenverstand übersetzen würde?</v> Genau. Das, was wir Menschen als gesund erachten an unserem Verstand, ist tatsächlich sehr viel diverser und vielfältiger, als dieser Begriff in seiner Verwendung meistens vermuten lässt.</v>
Tim
00:11:01
Ich will ein bisschen die Seiten wechseln, um das Gespräch spannender zu machen. Ich erlebe immer wieder Menschen, die das hervorragend können, in ihre Biografie schauen. Auch bei ihren Partnern können sie das gut. Oder die in endlosen Gesprächen mit dem Partner sich immer wieder aufs Neue Gründe aus der Vergangenheit nennen, warum sie so sind, wie sie sind, und so weiter. Und in dieser...</v> Oder auch Therapeuten machen das professionell, und Menschen gehen zu ihnen, weil sie möchten, dass einer mit ihnen die Warum-Frage stellt. Und wir nähern uns dann in der Warum-Frage, oder wir versuchen uns vermeintlich etwas zu nähern.</v> Und die spannendere Frage ist nicht, warum passiert etwas, sondern was passiert.</v> Was sagst du dazu?</v>
Raphael
00:11:58
Ich finde die Warum-Frage grundsätzlich hochgradig problematisch, weil sie in uns so schnell verknüpft ist mit der Frage nach Schuld. Und wo Schuld ist, ist ganz schnell auch Scham, und so weiter und so fort. Das ist so das eine. Ich finde den Blick in die Vergangenheit mit der Idee Warum schwierig. Ich wäre bei Was, so wie du das sagst, oder</v> ich wäre auch bei, ich möchte gerne verstehen, wie etwas in mir entstanden ist. Aber nur im Sinne von, okay, da ist es entstanden. Nicht im Sinne von, jetzt weiß ich warum, und deshalb weiß ich, wer schuld ist, ich, jemand anders, wie auch immer. Und ich glaube, in dem Moment, wo man das erkennt,</v> da läuft man Gefahr, das als eine Art Feigenblatt aus der Vergangenheit mit in die Gegenwart zu nehmen und damit eine Problematik aufrechtzuerhalten.</v>
Tim
00:13:15
Wir stabilisieren uns in Kommunikation. Und zwar natürlich im Familiensystem, das ist einfach zu denken, mit einem Partner oder mit den Eltern, aber auch in unserem Kopf. Wir haben ja beim letzten Mal schon von den verschiedenen Anteilen gesprochen. Man kann sie auch innere Familie nennen, innere Stimmen, die wir haben, die sich im dynamischen Verlauf über die Zeit immer wieder verändern.</v> Manche sind sehr streng mit sich in ihrem Kopf. Andere haben Anteile in sich, die sich etwas herausnehmen, was andere wiederum gar nicht gut finden. Und dann gehen sie sehr hart mit sich ins Gericht.</v> Und in biografischer Arbeit ist das, glaube ich, etwas Wesentliches, warum wir alle nicht darum herumkommen, da Ordnung zu schaffen. Dass wir überhaupt erst einmal durch die Was-Frage, was passiert eigentlich gerade in uns, oder auch die ehrliche Frage, was ist gerade passiert, das ist eine etwas andere Frage. Aber warum war ich gerade so schroff vielleicht, oder warum war ich so traurig, oder warum...</v> Also, was ist das überhaupt gerade?</v>
Raphael
00:14:47
Ich würde es dahingehend formulieren, was hat das Schroffe in mir gerade ausgelöst? Also was hat dazu geführt, dass ich so schroff reagiert habe? Da wäre ich tatsächlich sprachlich pedantisch, weil ich das Warum bei so vielen Menschen als blockierend erlebe in diesem Kontext.</v> Und ich bin ganz bei deinem Punkt, dieses Erkennen ist viel, viel, also erkennen und erlauben ist viel, oder akzeptieren ist viel, viel wichtiger als verstehen.</v> Und das ist meiner Erfahrung nach die größte Herausforderung in der Arbeit, wenn es um Selbsterfahrung geht. Dass die meisten Leute in die Selbsterfahrung starten mit der Idee, ich will das und das erfahren, erkennen, das und das erreichen. Also immer schon mit so einem Veränderungsgedanken. Ich will verstehen,</v> wie die Interaktion meiner Eltern auf mich gewirkt hat, damit es, weiß ich nicht, für mich so und so anders wird. Und immer dann, wenn ich eine Mission habe, also eine Veränderungsmission, auf meiner Reise in die Vergangenheit, in die Biografie, dann scheitere ich an irgendeinem Punkt dieser Reise, wenn es um das ganze Erkennen und Erlauben geht.</v> Weil, meiner Erfahrung nach, und bitte widersprich mir, wenn du da andere Erfahrungen hast oder es anders siehst, aber meiner Erfahrung nach kann man nur offen erkennen, wenn man keine Mission hat, die irgendeine Veränderung beinhaltet. Weil ich kann entweder Dinge verändern, oder ich akzeptiere und erlaube, was ist.</v>
Tim
00:16:57
Jetzt sprichst du die zwei verschiedenen, ich nenne sie mal vorläufig, Wahrnehmungsinstanzen in uns an. Das eine, unser reguläres Ego, das immer etwas verändern möchte. Wir sind ja nie ganz zufrieden mit dem Ist-Zustand, und immer laufen wir wieder los und verändern irgendetwas, oder gehen irgendwohin, oder wollen dies machen oder das.</v> Dieser Teil der Betrachtung ist immer fragmentiert, immer bruchstückhaft. Wir sehen immer nur kleine Ausschnitte aus der Biografie zum Beispiel. Dann sehe ich ein Bild von meinem Elternhaus, oder ein Bild von einem Hund. Ich sehe aber immer nur irgendetwas, wo gerade die Aufmerksamkeit ist. Vielleicht therapeutisch gelenkt, aber es bleibt trotzdem nur ein kleines Bruchstück. Ich kann mich selbst, wenn ich mich so betrachte,</v> wie in einem zerbrochenen Spiegel sehen. Ich sehe immer nur eine kleine Reflexion von dem kleinen Stückchen, auf das ich gerade blicke. Weil unser Geist nicht anders kann, als auf etwas Kleines zu blicken. Und dann kann er sehr klug und sehr tief und sehr nachdenklich darauf blicken. Aber er kann immer nur auf das eine Kleine gleichzeitig schauen.</v> Und das Ganze, den gesamten Spiegel wahrzunehmen, das ist die knifflige Aufgabe, um die es sowieso geht. Dass wir lernen, so sehr im Jetzt und in der Gegenwart zu sein,</v> dass sich uns der Spiegel irgendwann zeigt.</v>
Raphael
00:18:39
Hm.</v>
Tim
00:18:42
Wir kriegen ihn nie zu sehen, wenn wir nach ihm schauen. Erst wenn wir aufhören zu schauen, und das sehr ernst meinen, zeigen sich uns Einblicke in den ganzen Spiegel.</v>
Raphael
00:19:06
Das ist vielleicht dieser Punkt. Egal mit welchem Format, mit welcher Methodik ich Biografiearbeit betreibe, ich mache das ja immer hier und jetzt. Auch wenn ich dazu auf Dinge der Vergangenheit schaue, ich bin ja nie in der Vergangenheit, zumindest nicht de facto.</v> Und Vergangenheit ist halt immer eine Geschichte, und Zukunft ist immer eine Fantasie.</v>
Tim
00:19:46
Ja, aber eine sehr mächtige.</v>
Raphael
00:19:49
Ui.</v>
Tim
00:19:51
Ich denke, sie ist die mächtigste. Und es ist auch nicht zu unterschätzen, wie mächtig sie ist.</v>
Raphael
00:20:01
Die Geschichte der Vergangenheit oder die Fantasie der Zukunft?</v>
Tim
00:20:05
Und auch, wie mächtig die Handlungsimpulse sind, die aus dem einen oder dem anderen kommen. Also vielleicht ein Hass, eine Rache, das ist sehr stark aus der Vergangenheit.</v> Oder ein Selbstmordattentat, weil man so fest daran geglaubt hat, dass danach das Paradies kommt, wo man alles bekommt, was man je zu wollen dachte. Das ist vielleicht das Verrückteste an unserer Spezies, dass das Ego stark genug ist, den Menschen zu negieren, ihn auch in den Selbstmord zu führen. Oder, schlimmer noch, Leid und Zerstörung</v> weit über das eigene Selbst hinaus anzurichten.</v>
Raphael
00:20:58
Wir Menschen sind Geschichtswesen. Und meistens erzählen wir uns Geschichten der Vergangenheit oder der Zukunft. Aber tatsächlich, wie du gesagt hast, können diese Geschichten so wirkmächtig sein, dass wir echt schrägen Kram machen.</v>
Tim
00:21:14
Ja. Ich war vergangenes Wochenende auf der Jahreskonferenz der Psychotraumagesellschaft, und es ging um Intersektionalität, und letztlich darum, einen differenzierteren Blick auf die biografischen Geschichten zu werfen, auch generationsübergreifend, der Personengruppen, die immer wieder strukturelle Gewalt oder zum Beispiel Rassismus erleben.</v> Oder Opfergeschichten. Die ganze Konferenz ging letztlich um diese Narrationen. Ganze Gruppen haben Narrationen, ganze Gruppen fühlen sich als nativ amerikanisch, oder als, egal, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen. Aber diese Zugehörigkeit zu der Gruppe</v> ist so stark, dass sie über die Generationen hinweg Narrative schreibt und damit Biografien prägt, zum Teil auch vorprägt, belegt, also auch negativ zum guten Teil, natürlich manchmal auch sehr positiv, Gewinnergeschichten oder so.</v> Alles im Bereich der Ideen, der Narration, der Geschichte.</v>
Raphael
00:22:46
Da finde ich Yuval Noah Harari einen ganz, ganz spannenden Autor, der jetzt nicht mit so einem transpersonalen Blick darauf schaut, aber der sehr, sehr deutlich macht, wie wir Menschen als Menschheit über Geschichte und Geschichten, die wir uns erzählen,</v> uns, unsere Umwelt, und tatsächlich mittlerweile unseren ganzen Planeten gestalten. Und alles durch Geschichten, die wir uns erzählen.</v>
Tim
00:23:28
Gemeinsam erzählte Geschichten sind die Quelle von Macht. Da hatte Harari gerade ein schönes Beispiel von einem Damm im alten Ägypten, der wohl größer ist als ein riesiges Dammgelände, das größer ist als der Hoover-Damm. Und sie haben ihn über mehrere Generationen dort gebaut, weil sie an den Krokodilgott geglaubt haben. Sie haben also das gleiche Ziel verfolgt.</v> Diese Geschichte hat über mehrere Generationen zahlreichen Menschen, es müssen viele gewesen sein, Struktur, Richtung und Sinn gegeben, dass sie dieses Damm-System gebaut haben.</v>
Raphael
00:24:11
Mhm.</v>
Tim
00:24:13
Das finde ich schon bemerkenswert. Das ist eine Idee gewesen.</v>
Raphael
00:24:22
Und wenn man bereit ist, diesen Gedanken ein bisschen weiterzuführen, dann stellt man fest, wir alle tun Dinge nur aus Geschichten und Ideen heraus. Und überall da, wo wir Geschichten und Ideen in einer größeren Schnittmenge miteinander teilen, da haben sie sogar tatsächlich Wirkung im Alltag.</v>
Tim
00:24:49
Kann ich denn in einer Geschichte zufrieden sein? Oder glücklich?</v>
Raphael
00:24:55
Ich würde ja sagen, eigentlich nicht. Weil kein Mensch liest Geschichten, in denen alles nur Friede, Freude, Eierkuchen ist. Die finden wir Menschen alle langweilig, weil wir sie unrealistisch finden.</v>
Tim
00:25:09
Ich hatte eher daran gedacht, wenn wir doch zum großen Teil in Geschichten leben. Ich spiele fast wie ein Schauspieler meinen Teil in dieser Geschichte. Ich spiele den Deutschen, oder den Unternehmer, den kann ich spielen. Oder verschiedene Rollen, ich spiele den Elternteil.</v> Wenn es doch Geschichten sind, die wir da spielen, sind wir dann als Rolle glücklich?</v> Oder sind wir als ganze Person zufrieden?</v>
Raphael
00:25:50
Ich glaube, wir fühlen uns nur zufrieden, solange die Geschichte gerade passend für uns ist. Und keine Geschichte ist dauerhaft. Deswegen können wir nicht dauerhaft zufrieden und in innerem Frieden sein, solange wir uns Geschichten erzählen. Würde ich sagen.</v>
Tim
00:26:13
Ich erinnere an Professor Juister, der einmal gesagt hat, wenige Menschen, und vor allem noch nicht so lange, sind überhaupt erst Autoren des Skripts ihrer eigenen Lebensgeschichte. Und das ist auch ein Phänomen unserer Zeit, oder der letzten Jahrzehnte, dass zunehmend Menschen befähigt werden, oder auch von ihnen erwartet wird, dass sie ihre eigenen Biografien entwerfen, schreiben. Wir bekommen es ja nach dem Abitur, was möchtest du studieren? Und, Gott, woher soll ich das denn wissen?</v> Und dann sollen wir uns orientieren, und wir sollen den Weg gehen, und wir sollen zunehmend Biografien schreiben.</v>
Raphael
00:26:56
Ja, ich glaube, dass das gerade in der aktuellen Gesellschaft ein sehr, sehr wirkmächtiges Narrativ ist. Du bist Schöpferin, Schöpfer deiner eigenen Biografie.</v>
Tim
00:27:11
Und du bist verantwortlich, wenn du es versaut hast.</v>
Raphael
00:27:14
Richtig.</v>
Tim
00:27:16
Und wenn du mit 30 oder mit 40 dann noch nicht da bist, dann wird das schnell beschämend.</v>
Raphael
00:27:26
Dann ist das ein Fehler in der von dir zu verantwortenden Biografie. Und das ignoriert auf eine ganz, ganz ungünstige Art und Weise all die Erkenntnisse über Wirkfaktoren in Bezug auf die Biografie.</v>
Tim
00:27:44
Inwiefern?</v>
Raphael
00:27:46
Also wenn wir bedenken, wie wirkmächtig schon frühe Erfahrungen sind, die wir in unserer Kindheit sammeln. Und wie sehr die beeinflussen, wie wir aufs Leben schauen. Im Hilfreichen wie im Nichthilfreichen. Und das will ich ganz, ganz bewusst ohne irgendeine Form von Vorwurf gegenüber Eltern verstanden haben. Wenn wir Menschen</v> als Kinder groß werden, werden wir regelhaft mit Dingen konfrontiert, die uns überfordern. Und es wäre eine Fehlerwartung an alle Eltern und an das gesamte System, wenn man erwarten würde, dass die Welt, die Menschen, wie auch immer, das irgendwie verhindern könnten. Und weil das so ist, kommen wir mit gewissen biografischen Herausforderungen und deren Folgen in Kontakt.</v> Und deswegen schreibt niemand eine Biografie auf einem weißen Blatt mit einem voll funktionsfähigen Stift.</v>
Tim
00:28:56
Das Gemeine oder Knifflige ist, diese biografischen Aufgaben, ich nenne sie gerne affektive Pakete, also die geschnürten affektiven Pakete. Das heißt, das sind ja nicht unbeladene Erinnerungen, die uns kommen, wie das eine Mal, wo wir so schön spazieren waren und dann nichts passiert ist.</v> Diese Erinnerung haben wir sicherlich auch alle, nur kommt sie uns nicht im ungünstigen Moment. Sondern uns kommt die Erinnerung, wie uns vor der versammelten Klasse die Stimme im Hals stecken geblieben ist. Und wir hatten das Gefühl, alle würden uns anstarren. So ein negativer... Das kommt. Und das kommt ins Jetzt. Es findet seinen Weg ins Jetzt.</v> Über eine körperliche Empfindung, über einen Affekt, über ein Loch im Bauch, also so einen verspannten Bauch vielleicht, den ich jetzt spüre, oder mein Mund, der jetzt trocken wird, meine Stimme, die mir jetzt versagt. Das heißt, das alte affektive Paket, wenn ich es jetzt berühre, unbewusst oder bewusst, plötzlich ist es da und führt zu den körperlichen Symptomen. Meistens sind sie sehr ähnlich zu denen, die damals auch schon</v> aufgetreten sind, als wir es zum ersten Mal erlebt haben, oder als sich diese biografische Erinnerung, dieses affektive Paket, geformt hat.</v> Und wenn ich noch eins weiter darf, es funktioniert nicht, und es funktioniert für niemanden, affektive Pakete ins Meer zu schütten. Also wenn wir sie zuschnüren und in die Kiste, und die Kiste zuschließen, und die Kiste ins Meer, das funktioniert höchstens kurzfristig. Das können wir mal machen, für ein paar Wochen oder auch für ein paar Jahre in der Karriere, da klemmen wir die, wie ich meine, wir kneifen die Arschbacken zusammen, oder so.</v>
Raphael
00:31:05
Ich glaube, kneifen zusammen, nicht beißen zusammen, aber ich könnte mich irren. Alle wissen, was gemeint ist.</v>
Tim
00:31:07
Also ja, kurzfristig kneifen wir die Arschbacken zusammen. Aber alle diese affektiven Pakete sind noch da.</v> Und irgendwann müssen wir da hinschauen. Irgendwann... Also müssen wir natürlich nicht. Wir können auch einfach ein mürrischer, krumpeliger, alter, weißer Mann werden. Und dann sind wir auch irgendwann tot. Also, wenn wir uns irgendwann entfalten wollen und lernen wollen, warum es Gründe gibt, die uns am Entfalten hindern, dann müssen wir zu all den affektiven Päckchen, die wir geschnürt haben, so lange,</v> bis kein affektives Päckchen mehr in unserem jetzigen Leben ungefragt aufgeht und uns mit vergangenen Affekten aus dem Jetzt reißt.</v> Und das klingt harmlos, ist aber vielleicht die größte Aufgabe, der wir uns als Menschen zuwenden können. Und damit ist es auch genau das, worum es hier geht, was wir vorhaben.</v>
Raphael
00:32:26
Nicht alles davon sind Päckchen. Manches sind Pakete, und manches sind auch ganze Überseecontainer.</v> Und zugleich ist es am Ende</v> doch immer nur ein Päckchen.</v>
Tim
00:32:47
Ja. Und ich will das auch positiv beenden, weil das Leben niemanden bestraft. Und wir erleben die Dinge, die wir erleben, auch weil wir sie erleben können, auch weil wir sie verkraften können. Manchmal fragt der Traumatisierte auch, wer denn eigentlich derjenige ist, der überlebt hat. Aus irgendeinem Grund sind wir ja noch da.</v> Mit all dem, was wir erlebt haben, all den großen Päckchen und Überseecontainern, die wir aufgesammelt haben. Wir haben es ja geschafft, wir sind ja noch im Jetzt, wir sind ja noch hier. Und wenn wir noch hier sind und noch im Jetzt sind, dann sind wir auch nicht weit vom Jetzt. Dann ist in uns auch die grundsätzliche Kapazität, Überseecontainer aufzulösen.</v>
Raphael
00:33:45
Sehr schön.</v> Das finde ich ein schönes Schlusswort, dem ich mich nicht nur in Gänze anschließen kann, sondern von dem ich sagen würde, da sollten wir es stehen lassen. Bist du damit einverstanden?</v> Dann sage ich allen erst einmal vielen, vielen herzlichen Dank fürs Zuhören. Seid gerne beim nächsten Mal wieder dabei, und ich sage Tschüss, ciao ciao.</v>
Tim
00:34:16
Tschüss!</v>